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Mein Traumreiseziel Georgien

Meine Reise nach Georgien hat mich auf vielen Ebenen begeistert und berührt, da das für die Meisten wohl eher weniger interessant ist, will ich mich in einem weiteren Artikel eher den Sehenswürdigkeiten und Reiseempfehlungen widmen, hier eher meine persönlichen Erfahrungen und Gedanken niederschreiben.

Meinen Flug nach Georgien habe ich bereits einige Wochen vor der Abreise gebucht. Zunächst wollte ich ab Berlin fliegen, doch dann wurde der Flug immer teurer und ich suchte nach günstigeren Alternativen – denn Georgien sollte es nun wirklich werden. Ich hatte bereits einige Dokumentationen gesehen und war schon im Vorhinein sicher, dass eine Reise allein mir nicht reichen würde, um dieses spannende Land zu entdecken.

Schlussendlich fand ich einen günstigeren Flug ab Katowice, was mir insofern passte, da ich auf diesem Wege endlich mal wieder meine Gastfamilie besuchen könnte. Nachdem diese mir sofort anboten, mich vom Busbahnhof abzuholen und später zum Flughafen zu fahren, buchte ich. (Wie ich, obwohl ich quasi dauerpleite bin, kostengünstig reise, erfahrt ihr hier.)

Ich informierte mich so gut es ging und beschloss, wenn ich in Kutaissi (Georgiens drittgrößte Stadt im Westen des Landes) landen würde, direkt nach Tiflis (Tbilisi – die Hauptstadt) weiterzufahren, um nicht zwei Mal einen Aufenthalt in Kutaissi haben zu müssen (Zeitmanagement bei Kurztrips a la Nina). Damit stand meiner (theoretischen) Horror-Anreise nichts mehr im Wege:

6 Uhr Abfahrt nach Schönefeld,

7 Uhr Abfahrt nach Katowice (7 Stunden PolskiBus),

6 Stunden Aufenthalt bei meiner Gastfamilie,

2 Stunden Wartezeit am Flughafen,

3,5 h Flug und dann nochmal

4 Stunden Busfahrt von Kutaissi nach Tiflis +

2 Stunden Zeitverschiebung.

Gleichzeitig wusste ich, dass ich, die, die niemals gut schlafen kann, so gut wie möglich in Bus und Flugzeug würde schlafen müssen, da ich sonst meinen ersten Tag in Georgien nur fürs Schlafen würde draufgehen lassen müssen.

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All my bags are packed I`m ready to go…

Gesagt getan. Am 12.04. war es endlich so weit. Mit meinem eigens für das Wizzair Handgepäck gekauften Rucksack (Wizzair Handgepäck ist nochmal 10 cm kleiner als übliches Handgepäck), stieg ich an einem besonders grässlichen und regnerischen Berliner Frühlingsmorgen in den PolskiBus. Ich war bestens ausgestattet, mit Podcasts, Offline-Netflix- und Lesematerial. Ich bunkerte mir eine Sitzbank im oberen Stock des immer zu warm beheizten Polskibusses und so vergingen die 7 Stunden Fahrt wie im Fluge.

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Bester Bus – Szybko tanio komfortowo (schnell günstig komfortabel…)

Am Busbahnhof wartete bereits mein Gastvater auf mich, den ich bestimmt 5? Jahre nicht mehr gesehen hatte. Unser erster Halt war die Apotheke im Einkaufscenter in Sosnowiec – wo ich meine Freundin Kasia besuchte, die ich ebenfalls ewig nicht mehr gesehen hatte. Leider war das Wiedersehen viel zu kurz und durch eine Apothekenvitrine etwas erschwert.

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Zu Besuch bei Kasia

Weiter ging es in die Wohnung meiner Gastfamilie. Ich war schockiert, wie wenig von der Umgebung ich noch wiedererkannte und gleichzeitig, wie sich meine Wahrnehmung verändert hatte. Damals – mit 17 Jahren – hatte ich vieles als gegeben hingenommen. Mittlerweile war mir der Kontrast zum deutschen Luxus viel bewusster und ich betrachtete alles aus einem anderen Blickwinkel. Mein Gastvater bereitete mir in der Wohnung angekommen ein leckeres deftiges Mittagessen zu – als wären nicht 10 Jahre seit dem letzten Mittagessen in dieser Wohnung vergangen. Etwas später kam meine Gastmutter von der Schule nach Hause. Wir tauschten uns über die Geschehnisse der letzten Jahre aus und zeigten uns Fotos von unseren Familien. Viel Zeit blieb nicht, schon waren wir auf dem Weg zum Flughafen und schossen noch ein letztes gemeinsames Bild. Ich war schon ziemlich kaputt, das Polnisch-Reden und Verstehen hatte mich müde gemacht und gleichzeitig war ich voller Freude auf das, was noch kommen würde.

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Wiedersehen nach vielen Jahren

Nach nicht mal 4 Stunden Flug erreichten wir Kutaissi. Zielstrebig lief ich Richtung Ausgang, nicht wissend, ob es einen Bus geben würde, der mich um diese Uhrzeit (4 Uhr morgens georgischer Zeit) direkt nach Tiflis bringen würde. An der Information wurde meine Hoffnung bestätigt – also hob ich schnell 200 Lari (ca 80 Euro) ab und suchte den Bus. Für umgerechnet 7 Euro wurde ich also 4 Stunden durchs Land gefahren. Nach ca. 40 Minuten Wartezeit fuhr der Bus endlich los, ich war mittlerweile schon echt müde, da ich im Flugzeug kaum schlafen konnte und auch im Bus wollte mein Körper einfach nicht einschlafen. Spätestens als dann die Sonne aufging und ich einen Blick auf die herrlich bergige Landschaft werfen konnte, war es um meine Bemühungen geschehen. Schlaf war doch sowieso vollkommen überbewertet.

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Erster Eindruck von Tiflis – Alle Makren auch auf Georgisch

Einige Stunden später hielt der Bus in Tiflis in der Nähe des Liberty Squares. Es war 15 Grad warm und ziemlich wolkig. Ich hatte vorher bereits überlegt, wie ich vorgehen würde. Da ich sehr gerne die Höhlenstadt Uplisziche in der Nähe der Kleinstadt Gori besuchen wollte und ich das nur schaffen würde, wenn ich es quasi sofort mache, ging ich nur schnell zum Hostel, was auf dem Weg zum Busbahnhof lag, um meine Sachen abzulegen. Ich erkundete mich nochmals, wie ich am besten nach Gori komme, ich hatte gelesen, dass ich zum Busbahnhof Didube würde kommen müssen um von dort entweder ein relativ teures Taxi zu bezahlen oder so wie die Einheimischen mit einem Minibus – dem sogennanten Mashrutka – fahren könne.  

Dies bestätigte mir der Hostelmensch – nur dass er mir noch den wertvollen Tipp gab, doch mit der U-Bahn nach Didube zu fahren. Da ich immer gespannt bin, wie die U-Bahnen in anderen Ländern so sind, wählte ich dann auch diese Variante – was mir im Nachhinein viel Zeit und Energie sparte, denn in Tiflis lange Strecken zurücklegen ist schon etwas anstrengender, als in Berlin. Die meisten Straßen haben keine Ampeln, sind durchgängig und viel befahren und nur ab und zu findet man eine Unterführung, die einem das Überqueren der Straße ermöglicht.

Diese Unterführungen sind dann auch komplette Parallelwelten, die Decke ist vielleicht zwei Meter hoch, alles ist dunkel, ziemlich gruselig, oft finden sich Bettler an den Enden der langen Gänge und zwischendrin kleine Geschäfte. Die Autos auf den Straßen verströmen so viel Benzin-Gestank (oder was auch immer da riecht), dass ich mir die Umwelt-Plaketten in Berlin doch wirklich herbeiwünschte.

Nun gut, also zur U-Bahn: für 3 Lari (1,20 Euro) bekam ich eine Plastikkarte, die ich immer wieder aufladen konnte, sowie 2 U-Bahn-Fahrten. Und los ging es, ich bin mir ziemlich sicher, dass ich noch nie in meinem Leben einen so langen und tiefen U-Bahntunnel befahren hatte – später stoppte ich die Zeit, eine Rolltreppenfahrt dauerte mehr als 2 Minuten und sie rollte schnell! Schnell realisierte ich auch, dass ich mit meinem hellblonden Haar und den blauen Augen die gesamte Reise hinweg überall als Touristin für jeden erkennbar sein würde, denn bereits in der U-Bahn schauten mich viele Leute interessiert an.

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Bahnticket – Alles klar oder?

Doch mir ging es genauso, ich sog alle Eindrücke in mich auf: wie kleiden sich die Leute, wie sehen sie aus, was machen sie. Zweimal liefen Bettler durch die Bahn und erhielten erstaunlich viele Almosen von den Fahrenden. Insbesondere die beiden vielleicht 5-8 Jahre alten Jungen, die auf kleine Trommeln schlugen und ein volkstümliches Lied sangen, stimmten mich nachdenklich. In Didube angekommen, folgte ich dem Menschenstrom nach draußen. Wieder wurde ich sofort als Touristin und somit als mögliche Einnahmequelle erkannt und von mehreren Männern belagert, die mir sofort eine Taxifahrt andrehen wollten.

Ich flüchtete mich erstmal zwischen die Marktstände und wechselte drei mal die Richtung, bis ich endlich alle abgeschüttelt hatte. Schnell besorgte ich mir ein Gebäck gefüllt mit irgendetwas und ein Wasser und dann versuchte ich mein Glück bei den Minibussen. Zum Glück erinnerte ich mich an das Wort “Mashrutka” – so konnte ich also mitteilen wohin und womit ich dahin will: “Gori Mashrutka” – vollkommen übermüdet (bereits weit über 24 Stunden ohne Schlaf) war ich bereits kurz vorm aufgeben, weil mich die lästigen Taxifahrer unerlässlich zu überreden versuchten. Bis mich dann plötzlich und wie aus dem Nichts jemand zu einem Minibus schob, der angeblich nach Gori fuhr.

Lesen konnte ich die Zeichen ja nicht, also musste ich mich auf sein Urteil verlassen. Ich setzte mich also in den Bus und wartete. Zweimal stiegen Bettler in den Bus und versuchten uns etwas anzudrehen und dann nach ca. 20 Minuten war der Bus voll genug und wir konnten losfahren. Das Wetter verschlechterte sich leider und immer wieder regnete es. Als wir nach einer Stunde in Gori ankamen, wurden wir sofort wieder von Taxifahrern belagert. Ich ging schnell in das Touristen-Büro, welches an der Haltestelle lag und erkundigte mich, wie ich ohne Taxi zur Höhlenstadt käme. Die dort arbeitende Dame sprach kaum Englisch (der Großteil der Bevölkerung spricht neben Georgisch perfekt Russisch und der Großteil der Touristen eben auch – Englisch kam mir daher selten unter) erklärte mir dann aber irgendwie und mit Hilfe einer Karte, dass ich 20 Minuten durch die Stadt zu einer anderen Busstation würde laufen müssen von wo aus alle 30 Minuten ein Bus nach Uplisziche fuhr, wo ich wiederum weitere 2 km würde laufen müssen. Also ging ich erstmal ins nahegelegene Stalin-Museum, denn das war Pflicht, da Josef Stalin in Gori geboren wurde und damit die wohl weltweit bekannteste georgische Persönlichkeit darstellt.

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(Good) old Stalin

Witzigerweise war das gesamte Museum lediglich mit georgischen und russischen Erklärtafeln ausgestattet, sodass ich mir ausschließlich die unzähligen Bilder und Verherrlichungen des Diktatoren ansehen konnte. Nach 20 Minuten war das Museum inklusive des Geburtshauses Stalins, welches schlichtweg vor das Museum versetzt und überdacht wurde, abgehakt und ich wollte weiterziehen.

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Stalins Privatzug – was auch immer er damit gemacht hat
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Selfie mit Josef
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Stalins Geburtsthaus

Leider hatte es mittlerweile begonnen bitterlich zu regnen und meine Motivation, jetzt wieder eine Mashrutka auftreiben zu müssen und dann noch 2km durch den Regen zu wandern, war äußerst gering. Das tolle am alleine reisen ist ja: wenn du keinen Bock hast, dann hast du keinen Bock – also entschied ich einfach, die Höhlenstadt auf meine nächste Georgien-Reise zu vertagen und mich auf den Rückweg zu machen. Dies ging dann wirklich fix, ich war bereits ein Mashrutka Profi. Ein witziges Highlight, war der weitere Mitfahrer, der sich nach 50 Minuten Fahrt erstmal eine Zigarette im Minibus anzündete. Ich musste einfach nur noch lachen und irgendwie gefiel mir dieses – wir machen hier einfach was wir wollen.

Eine Stunde später stieg ich wieder in Didube aus dem Bus, der Regen hatte aufgehört und ich hatte noch genügend Zeit, die Stadt zu erkunden. Tiflis hat wirklich viel zu bieten, wunderschöne prunkvolle Gassen und im Kontrast dazu 2 Meter weiter Häuser, die so aussehen, als würden sie beim nächsten Windhauch einstürzen. Super moderne und gar nicht ins Stadtbild passende Bauten neben historischen Stadtteilen, wunderschönen orthodoxen Kirchen, neben Seilbahnen, neben alten Sulfatbädern. Ich zog kreuz und quer durch die Straßen, zunächst in den Rike-Park, den man über die moderne Friedensbrücke erreichte. Von dort ging es für 1 Lari mit der Seilbahn zur Nariqala Festung auf einem Berg über der Stadt. Sobald ich wie zum Beispiel beim Fahrkartenkauf in Interaktion mit Einheimischen trat, wurde sofort auf russisch ermittelt, woher ich denn käme, ziemlich schnell lernte ich dies sowohl auf Russisch als auch auf Georgisch zu beantworten.

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Schön wuchert es in Tiflis
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Flieg Baron, flieg!
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Friedensbrücke
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Bundestag 2.0

Die Gondel hatte ich nur für mich und so genoss ich meinen 2 minütigen Blick über die Stadt. Oben angekommen verfolgte mich dann ein Deutsch sprechender Georgier, der mir erst eine Fahrt in seinem Golf-Car anbot und mich dann zu einem späteren Spaziergang überreden wollte. Abgesehen davon war sowohl der Ausblick, als auch die Besichtigung der Festung und der Statue der Mutter Georgiens durchaus empfehlenswert und ich hatte meinen Spaß. Später stieg ich den Berg zu Fuß hinab und lief in die Altstadt, welche insbesondere durch die in den Boden eingelassenen Kuppeln der Sulfatbäder einen ganz besonderen Charme hat.

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Eine Gondelfahrt die ist lustig
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Blick über Tiflis
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Noch eine Gondel
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Die Mutter Georgiens

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In Gedanken oder so
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Typisch georgische Kirche

Auf einem Reiseblog hatte ich über ein Restaurant gelesen, welches relativ günstig sei und durchaus auch typische Speisen auf der Speisekarte hatte, also begab ich mich dorthin und verspeiste ein mit Käse, Ei und Gemüse gefülltes Chatschapuri, mit Fleisch und Gemüse gefüllte Chinkali (Teigtaschen) und witzige Wackelpudding-ähnliche Nachspeisen. Dann war es aber wirklich genug für diesen Tag. Ich zog endgültig in mein Hostel, telefonierte noch kurz mit Tim und verkrümelte mich dann um 18 Uhr in mein Hostelbett. Ich sage euch, so gut habe ich noch nie in einem Hostel geschlafen – der einfache Trick: 32 Stunden wach sein.

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Schiefstand
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Sulfatbäder – Kuppeln
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Altstadt
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Altstadt
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I love Tiflis
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Chatschapuri
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Wackelpudding
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Ja da wohnen Menschen drin
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Einblicke Tiflis

Am nächsten Morgen verspeiste ich noch das hosteleigene Frühstück: georgische Pancakes mit verschiedenen Marmeladen und Sahne und zog dann los, durch einen anderen Stadtteil, der wie es mir schien sehr auf die türkischstämmigen Touristen ausgelegt war, viele Shops, Hotels und Restaurants hatten türkische Namen oder große Aufschriften mit “halal” etc. Auf der Karte sah ich, dass der große Marktplatz nicht weit war und auch ein “Shoppingcenter” – na mal sehen, was Georgien shoppingtechnisch zu bieten hat, dachte ich mir. Beim Bazar angekommen war ich dann wirklich überwältigt. Zunächst durchquerte ich einen langen Seitenflügel des Marktgebäudes, welches sich gänzlich dem Thema “Süße Tiere tot” widmete.

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Mein leckeres Frühstück

Überall lagen nett staffierte kleine Schweinchen, Schweineköpfe, Hühnerfüße und drumherum verhandelten fast ausschließlich Männer um die Kaufpreise. Ich war zwischen Ekel und Faszination gefangen und zog weiter. Immer wieder sah ich auch solche an Schnüren aufgehängten, wachsähnlichen langen Zapfen, von denen ich erst dachte, es seien Kerzen. Als ich mich zaghaft so einem Stand mit den vermeintlichen Kerzen näherte, erklärte mir der Verkäufer mit Hand und Fuß und indem er auf Nüsse und Früchte zeigte, was diese eigentlich waren. Eine typische georgische Süßigkeit: Hasel- oder Walnüsse werden mit einer Art Fruchtsirup begossen, welcher dann trocknet. Durch einen Faden sind alle miteinander verbunden. Natürlich wollte ich sie probieren und so schlug ich für 2 Lari zu.

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Das größte Fahrrad aller Zeiten
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Markteindrücke
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Auch schön an der Wand
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Viel Gemüse ist gesund

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Zum Ostereier einfärben
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Ebenfalls zum Färben
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Osterbrote

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Typische Süßspeise Tschurtschchela
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Endprodukt gefärbte Eier

Allerdings war mir nach dem ganzen Getier doch etwas flau im Magen und so ganz toll fand ich diese dann nicht. Aber vielleicht war es ja auch nur die falsche Sorte… Nach einem für mich sehr spannenden Marktbesuch zog ich weiter Richtung Shoppingcenter. Dieses war mal wieder anders als gewohnt. Erstmal durchlief ich wieder eine labyrinth-artige Unterführung, die von kleinen Lädchen, von Uhren- und Schuhmachern gefüllt war. Das Shopping-Center bestand dann aus 2 westeuropäischen Modegeschäften und aus einem riesigen Saal mit Juwelieren – das hätte ich dann also auch abgehakt.

Weiter ging es in Richtung des ehemaligen sowjetischen Freizeitparks auf dem Hügel Mtatsminda. Der Weg dorthin war durchaus von Herausforderungen gespickt. Unüberquerbare Straße und Gassen, die mich ins Nirgendwo führten. Immer begleitet von anhaltenden Männern, die einem “helfen” wollen. Doch immerhin war das Wetter viel besser geworden, ich lief nur noch im T-Shirt herum und kaufte mir Eis. Eigentlich sollte der Berg durch ein Furnicular zu erreichen sein, dies fand ich allerdings nicht, also schlug ich mich mitten durch die Natur den Berg hinauf, was ziemlich schön, anstrengend und schweißtreibend war.

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Hier liegt Stalins Mutter begraben
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Blick über die Stadt
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Noch einige Höhenmeter vor mir
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Big CIty Life

Nach ca. einer Stunde erreichte ich den Gipfel und musste mich noch durch einen Zaun drücken und schon war ich im Freizeitpark. Ich hatte bereits eine Reportage über diesen Park gesehen und wollte unbedingt mit dem Riesenrad fahren – Leider war dieses wahrscheinlich wegen Ostern bereits geschlossen – egal, der Ausblick von dort oben war toll und ich war rundum zufrieden.

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Tiflis Riesenrad

Da ich immer noch Zeitdruck hatte, weil ich an diesem Abend noch nach Kutaissi fahren wollte und etwas Angst hatte, dass am Osterfreitag (wie auch immer Karfreitag in Georgien heißt) nicht so viele Marshrutkas fahren würden. Also stellte ich mich diesmal an der Furnicularschlange an, um ein Ticket zu kaufen. Vor mir standen nur zwei Personen, aber diese schienen wild mit der Fahrkartenverkäuferin zu diskutieren. Ein Georgier kam zu Hilfe – er sprach perfekt Englisch und erklärte, dass das Furnicular anscheinend gerade ausgefallen sei und man könne nicht abschätzen, wann und ob es wieder fahren würde, daher weigerte sich die Verkäuferin Tickets auszugeben.

Nun gut. Ich machte mich bereit für den Abstieg und der andere Tourist schloss sich mir an. Er hieß Josef, stammte aus Ungarn, lebte aber in Stockholm, sprach perfekt Deutsch und war ein netter Gesprächspartner für den nicht enden wollenden Abstieg. Josef hatte viel Redebedarf, denn er kannte eines der vier Opfer des Attentates, dass sich eine Woche zuvor in Stockholm zugetragen hatte. Das 11-jährige Mädchen war die Tochter seiner Kollegin und er hatte sie seit ihrer Geburt fast täglich gesehen und mit ihr gespielt. Der Arme tat mir wirklich Leid und ich wusste auch nicht so recht, was ich sagen sollte, in solchen Momenten kann man ja leider kaum Hilfe leisten. Ansonsten brillierte er mit Wissen über Georgien und so verging die restliche Zeit schnell und ich lief zurück zum Hostel. Dort griff ich nur noch meinen Rucksack und zog los nach Didube zum Busbahnhof.

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Yummi
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Stück 4 Cent und sooo lecker

In der U-Bahn passierte mir noch etwas vollkommen unerwartetes: Als ich und zwei weitere junge Frauen die Bahn betraten standen jeweils 3 Männer auf, um uns einen Platz zur Verfügung zu stellen. Vollkommen hin- und hergerissen zwischen kurzzeitig aufblitzenden Emanzipationsattacken und dem Bedürfnis mich mit all meiner Müdigkeit und vollbepackt hinzusetzen. Naja ich wollte dann nicht unhöflich sein und setzte mich hin und fragte mich gleichzeitig, ob ich Zeuge einer vollkomen üblichen Verhaltensweise wurde, oder ob die mich nur verarscht haben. Oder ich hatte zu viel Kuchen gegessen und sah schwanger aus, wäre auch nicht das erste Mal in meinem Leben gewesen… In Didube ging ich wieder wie ein echter Profi vor, holte mir schnell etwas zu Essen und ging dann zielgerichtet auf einen erfahren aussehenden Herren zu, dem ich bestimmt “Kutaissi Mashrutka” entgegendonnerte. Prompt kam jemand hinzu und schob mich in den richtigen Bus. Ungefähr 10 Sekunden später begann es zu regnen. Lief bei mir.

Als der Bus nach 15 Minuten losfuhr, saß ich dicht an dicht mit einem recht ungut nach Rauch und Alkohol riechenden Mann, war dennoch glücklich, wie geplant in Kutaissi anzukommen. Nach ungefähr 3,5 Stunden hielten wir plötzlich an und alle Menschen im Bus stiegen aus. Komisch. Soll ich jetzt auch? Aber niemand sagte etwas zu mir (und ich glaube ja doch immer ans Gute im Menschen) – also wartete ich und wartete und guckte mal, ob es vielleicht gerade W-LAN gab, das gab es.

Mein AirBnB Gastgeber der kommenden Tage (Gegi) schrieb mir “Nina – bitte lass dich von uns abholen, der Weg vom Bahnhof ist wirklich weit” Ich war weiterhin überzeugt, den kleinen 45 Minuten Walk bis zum Apartment locker meistern zu können und dies schrieb ich auch. Wieder antwortete Gegi: “Nein wirklich, es hat jetzt auch noch zu regnen begonnen.”. Na gut dachte ich mir, es war bereits 21 Uhr und es regnete wirklich in Strömen. Also stimmte ich zu, doch noch bevor ich weitere Instruktionen zu Treffpunkt und Ähnlichem von Gegi erhalten konnte (ich wusste ja nicht, wo der Bus anhalten würde), kam plötzlich der Fahrer des Busses zurück sagte “Lady” und winkte mich aus dem Bus. Er schob mich in einen vorbeifahrenden Bus, wo alle noch viel enger zusammenrücken mussten, um mir Platz zu machen und ich war vollends verwirrt. Würde ich jetzt ans richtige Ziel kommen, muss ich nochmal bezahlen? Was ist hier überhaupt gerade passiert?

Anscheinend hatte der Fahrer meines vorherigen Busses nach dem Aussteigen verschiedener Fahrgäste an einigen Zwischenstopps entschieden, dass er für 5 Leute nicht mehr extra nach Kutaissi fahren will und hat uns dann auf vorbeifahrende Busse verteilt. Am Ende war alles gut und ich wurde vor dem Bahnhof in Kutaissi abgeworfen. Dort wurde ich direkt wieder von ein paar Taxifahrern belagert und flüchtete für WLAN ins McDonalds. Gegi hatte geantwortet, er würde vor dem McDonalds auf mich warten. Na das hat ja mal gut geklappt. Gegi war ein noch seeehr junger Mann, offensichtlich ohne Führerschein, denn das Auto (mit Lenkrad auf der rechten Seite) wurde von einem älteren Herren gefahren – ich schätzte, es wäre sein Vater – konnte es aber nicht herausfinden, da dieser kein Englisch sprach. Die Fahrt dauerte tatsächlich noch einmal eine ganze Weile und ich war heilfroh, dass ich im Trockenen saß. Ich hatte ein schön altmodisch eingerichtetes Zimmer inklusive Heizung nur für mich, außerdem gab es ein riesiges Wohnzimmer und einen schönen Flur mit Tee, Gebäck und Wasser. Das Gebäck hat dann auch mein Leben gerettet.

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Ich hatte mir noch in Tiflis einen super tollen leckeren Brownie gekauft, den ich die ganze Fahrt behütete, um ihn später zu verspeisen. Als es dann endlich so weit war und ich das erste Stück genüsslich in meinen Mund schob, durchschoss mich sofortiger Ekel, wer hat denn da Erdnüsse hineingemacht…? Na gut, dann gibt es eben Kekse. In der Nacht schlief ich so mittelgut, ich war diese dörflichen Geräusche mit Hundebellen, Katzenjaulen und was weiß ich noch für gruseligem Gespuke einfach nicht gewohnt. Am nächsten Morgen realisierte ich erst, wie toll der Ausblick von dem Haus aus war, ich blickte in die Ferne, sah Berge und einen Fluss und erinnerte mich, dass irgendwer etwas von Frühstück gesagt hatte. Also ging ich mal nach unten und schaute mich etwas um. Da war ein Tisch voll mit interessantem Essen. Schon kam der alte Herr um die Ecke. “Good morning” sagte er und dann noch weiteres unverständliches Zeug auf Russisch. Wie sich herausstellte, war der gesamte Tisch nur für mich gedeckt und ich wusste jetzt schon, dass ich niemals alles schaffen würde, obwohl er mich so hoffnungsvoll anguckte, während er mir eine dunkelrote Flüssigkeit in ein Weinglas füllte.

Mein georgisches Frühstück
Mein georgisches Frühstück

Ich fragte ob das Wein sein und er freute sich “Very, very good wine”. Ich musste lachen. Okay, Herausforderung angenommen. Ich aß so viel ich konnte, Auberginen in leckerer Knoblauchpaste, rot gefärbte Eier, Hühnchen, Brot, Käse und und und. Von allem nur ein wenig, denn am Morgen so viel Herzhaftes, das fällt mir wirklich schwer. Den Wein trank ich allerdings aus und noch bevor ich mir einen Schlachtplan überlegen konnte, wie ich ohne unhöflich zu sein, nicht alles würde aufessen müssen, kam Jubi (ich erfuhr später, dass er so hieß) schon wieder um die Ecke und wies mich mit Hand und Fuß darauf hin, dass vor dem Haus ein Auto wartete. Da ich eine Tour gebucht hatte und die Abholung inbegriffen war, wunderte mich dies nicht und ich konnte vom Frühstückstisch fliehen.

Die Tour wurde von Giorgi (seine Website) geleitet, der Fahrer des Minibusses sprach sogar Deutsch und zwei weitere Tourmitglieder – ein finnisches Pärchen – waren mit dabei. Ich hatte großes Glück, denn zu Ostern war es ansonsten unmöglich, eine Tour in Kutaisi zu buchen. Nur Giorgi hat etwas organisiert. Daher war ich was das Ziel der Tour angeht recht flexibel, mich interessierte sowieso alles und ich musste mich irgendwie entscheiden.

Zuerst fuhren wir also zum Martvili Canyon – wo wir eine Art Naturreservat betraten – für 15 Lari wurden uns 2 Tickets in die Hand gedrückt und keine Ahnung wie, aber 1 Minute später saß ich mit Schwimmweste in einem Boot, mit Paddel in der Hand und paddelte einen (in meiner Wahrnehmung) reißenden Fluß entlang. Auch die Finnen blickten verwirrt herein, wir drei hatten von Paddeln so viel Ahnung wie von Quantenphysik. Irgendwie ging es dann dennoch voran, wir paddelten bis zu einer schönen Stelle und ließen uns dann zurücktreiben. Nach 15 Minuten war dieses Abenteuer vorüber und wir erkundeten den Rest der Anlage, welcher wirklich wunderschön war, viele kleine und große Wasserfälle und alles begleitet von der Sonne, die nach dem Regen des Vortages wirklich gern gesehen war.

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Nina Paddel Pro
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Dennoch wunderschön
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Schönste Wasserfälle
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Urwald
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Ein Regenbogen!

Nach unserem Rundgang stiegen wir wieder in das Auto und fuhren zu den Kinchkha Waterfalls – beziehungsweise in die Nähe, denn den letzten Kilometer dorthin mussten wir laufen. Grundsätzlich fand ich das schön, allerdings war es mal wieder eine sehr rutschige Angelegenheit, was ja quasi meine Spezialität im nicht Mögen ist, gleich nach Erdnüssen. Diesmal ereilte allerdings nicht mich, sondern die Finnin das Schicksal, sie packte sich einmal fett in den Schlamm. Wir gingen erst einen schlammigen Berg hinunter und sind dann immer an einem Flußlauf entlang auf recht rutschigen Steinvorsprüngen hin- und hergehüpft. Girogi – unser Guide – kümmerte sich bestens um uns – und bestand stets darauf, dass stets die “GANZE GRUPPE ZUSAMMENBLEIBT” – was etwas niedlich war, da wir halt einfach nur 4 Leute waren – naja vorlaufen war nicht erlaubt. Der etwas abenteuerliche Weg hatte sich auf jeden Fall gelohnt. Dieses Mal sahen wir dem Wasserfall nicht von unten zu, sondern standen ganz oben auf dem Felsvorsprung und genossen das tolle Naturschauspiel.

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Unser Weg

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So gucke ich vor Wasserfällen
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Okatse Wasserfall

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Den Rückweg zum Auto überstanden wir gut und so wurde unser nächstes Ziel anvisiert, der Okatse Canyon. Ein 2km langer gemütlicher Pfad führte mich zu meinem persönlichen Highlight. Eine ca. 1km lange Holzsteg-ähnliche Anlage, die uns einmal entlang des Okatse Canyons entlang führte. Der Ausblick atemberaubend mit mini Nervenkitzel – für alle, die die Höhe als gefährlich empfinden. In der gleißenden Sonne genoss ich an einem Aussichtspunkt meine letzte noch aus Deutschland mitgebrachte Ration Schokolade und war wieder einmal einfach nur glücklich.

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Über den Wolken
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Unsere Tour-Crew

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Aussichtsplatform

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Nach 3km Rückweg saßen wir wieder im Auto und fuhren an einen ganz kuriosen Ort, Zkaltubo etwa 15 km von Kutaissi. Zkaltubo war ein wichtiges Heilbad, wo sich insbesondere auch Stalin gerne mal niederließ – welches jedoch später verkam und ab 1990 zu einer Art Ruinenstadt mutiert ist. Mittlerweile wird es renoviert. Wie kann man sich das ganze nun vorstellen? In einem Kreis angeordnet befinden sich in dieser Stadt prunkvolle riesige Bauten, die jeweils verschiedene Heilbäder beherbergen. Jeder Körper- oder Krankheitsart wurde ein einzelnes Sanatorium gewidmet – wir durften sogar einmal hinein und haben uns ein paar der sehr einladend aussehenden Pools und Wasservorrichtungen angesehen.

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Tor in Zkaltubo
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Eingang zu Sanatorium VI

Weiter im Programm und zum letzten Punkt der Tagesordnung fuhren wir in Kutaissi auf den Markt. Da wir alle schon sehr erschöpft und ich für meinen Teil kurz mal eine Pause von Menschen und Märkten brauchte, zogen wir nur noch halbherzig umher und verabschiedeten uns vom Tourguide (nachdem wir ihn natürlich bezahlten).

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Bonjour Georgien
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Erste Eindrücke von Kutaissi
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Hut ab

Ich wanderte noch einige Minuten nur für mich durch die Stadt und zog dann immer bergauf Richtung AirBnB – ich war vollkommen verschwitzt und wirklich kaputt, ich freute mich so sehr auf eine Dusche, mein Bett und vielleicht ein paar Seiten in meinem Buch lesen. Als ich das Gartentor zum Haus öffnete, erblickte ich 5 Männer, die um einen kleinen Gartentisch herumsaßen. Sofort rief mir einer von ihnen entgegen “Nina come and join us”. Hm okay, das war jetzt nicht wie geplant – “ok give me 2 minutes” – ich ging kurz in mein Zimmer, legte meine Taschen ab und ging wieder heraus in den Garten. Der Mann, der mich in passablem Englisch zum dazusetzen aufgefordert hatte, war bereits ein Jahr zuvor Gast bei Gegi und Jubi gewesen und ihm hatte es so gefallen, dass er nun quasi zur Familie gehörte und immer wieder kam. Er und seine Frau, die später auch dazustieß, kamen aus Charkow – der zweitgrößten Stadt der Ukraine, die allerdings ansonsten nicht besonders besichtigenswert sei und waren fortan als Übersetzer für mich Gold wert.

Zunächst einmal muss ich dazusagen, dass der Tisch vollgestellt war mit essen und das natürlich sofort für mich ein weiterer Teller, Glas und Stuhl aufgestellt wurden. Und schon ging es los. Glücklicherweise hatte ich vorher eine Reportage über Georgien gesehen und war daher etwas auf die Trinkgewohnheiten gefasst. Für gewöhnlich muss der Hausherr vor jeder Trinkrunde einen Toast aussprechen, vorher darf nicht getrunken werden. Also ging es los. “Auf die Freundschaft” – und es wurde losgetrunken – man unterhielt sich, ich wurde genötigt einfach alles auf dem Tisch einmal zu probieren – wir erzählten uns über unser Leben – ich war so froh, Teil dieser Gruppe von Menschen zu sein, ich erfuhr so viel mehr über Georgien, über die Ukraine – über das Leben und über Wein – haha. “Auf die Familie und die Menschen, die wir lieb gewonnen haben”

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Unsere illustre Runde

“Auf alle Länder – unabhängig aller Streitigkeiten und Konflikte” – “Auf die Frauen”…. Ihr könnt euch vorstellen, wie viel ich am Ende getrunken habe und dennoch wurde ich fast dauerhaft kritisiert, nicht genug Alkohol zu mir zu nehmen. Ich erfuhr auch mehr über meine Gastgeber. Gegi, der junge Mann, der sich nur noch selten blicken ließ, war Jubis Neffe. Die Frau, die ich für Jubis Frau hielt und die mir schon Leid tat, da sie sich nicht wie die anderen zu uns setzte, sondern stetig damit beschäftigt war, uns neues Essen auf den Tisch zu stellen und dreckige Teller wieder abzuräumen, war Jubis Schwester, welche dort als Haushälterin angestellt war. Alles in allem eine nicht ganz stinknormale Familie, die sich so gut es ging unterstützte. Alle arbeiteten daraufhin, dass Gegi einmal eine bessere oder einfacherere Zukunft haben würde, mit dem Apartment als Grundstein.

Sturzbetrunken flüchtete ich nach 3 Stunden in mein Bett und schlief den Schlaf der Glückseligen. Am nächsten Morgen wachte ich wundersamerweise ohne Kater und komplett fit auf – sollte etwa etwas daran wahr sein, dass der georgische Wein äußerst gesund sei, was mir am Vorabend immer und immer wieder beteuert wurde?

Für meinen letzten Tag plante ich endlich wieder alleine loszuziehen. Ich wollte noch 2 Klöster besichtigen, die nicht mehr in Kutaissi sondern in Nachbardörfern lagen. Ich guckte alles auf meiner Offline Karte nach und sah, dass es gut würde erreichbar sein. Also zog ich los – ohne Frühstück, da noch nichts aufgedeckt und mir doch auch noch nicht so recht nach Wein zu Mute war. Der Himmel war wolkenlos und ich bester Laune, ich lief durch kleine Gassen und überquerte einen Staudamm, dann nach weiteren 20 Minuten kam ich endlich an einen Weg, der in den Wald führte, fernab der Straße wo ich stets belustigt angesehen wurde, wer läuft schon freiwillig zu Fuß durch georgische Straßen. Allerdings gab es ein Problem – ein für mich ziemlich großes Problem. Ich musste aufs Klo. Und nicht nur so ganz kurz, ihr wisst schon. Zunächst dachte ich, das wird schon noch eine Weile so gehen, doch dann mit der zunehmenden Anstrengung bergauf merkte ich, dass das wohl doch nicht so sein würde.

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Bagrati Kathedrale in Kutaissi
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Blick vom Staudamm

Okay – nachdenken Nina – Taschentücher hast du dabei – du bist in einem Wald – leider ohne Gebüsch, hinter dem man sich verstecken kann, da es jeweils links steil bergauf und rechts steil bergab ging. Naja aber hier ist ja niemand – du läufst noch ein wenig weiter bis zu einer halbwegs netten Stelle und dann wird das schon – 5 Minuten später lief mir plötzlich ein Mann entgegen – ok – dann bist du wohl doch nicht allein… Ich suchte weiter nach einem Plätzchen, wo ich mich hinter irgendetwas verstecken könnte. Der Weg wurde jedoch immer schmaler und dann stand plötzlich so ein Bulle mit großen Hörnern vor mir. Na super. All meine Sorgen waren dahin – an dem traue ich mich wirklich nicht vorbei. Erstmal Rückzug. Ein weiterer Blick auf die Karte versprach: Es gibt keinen Weg außer diesem hier um an dein Ziel zu gelangen. Gut – Augen zu und durch. Der Bulle drehte sich interessiert mit mir und ließ mich gehen. Ausatmen. Wenn ich das geschafft habe, dann sollte der natürliche Kreislauf des Lebens doch auch kein Problem sein. Nach 10 weiteren Minuten fand sich ein Verschlag und ich tat, was ich tun musste – dennoch hatte ich sicherlich noch 2 Stunden lang das Gefühl, man würde mir ansehen, was ich soeben getan hatte… Und da denkt man immer mit 27 gibt es keine ersten Male mehr 😉

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Ich habe ihn bezwungen – ok hier auf dem Bild sieht die Situation viel harmloser aus, als sie wirklich war…

Nach der Waldpassage musste ich nun noch mal 3 km entlang einer Straße laufen, erst eine sehr viel befahrene, später eine kleine Dorfstraße. Es wurde kurz ein wenig gruselig, als am Straßenrand ein scheinbar betrunkener mitteljunger Mann saß, der mir im vorbeilaufen etwas entgegenbrüllte. Na toll und da musste ich später wieder vorbei, aber erst einmal ging es zum ersten Kloster, vorbei an einem Friedhof, wo an diesem Ostersonntag eine ganze Menge Menschen herumwuselte. Denn in Georgien ist es Brauch, den Toten vor Ort mit Speis und Trank und guter Laune zu gedenken. Eine wie ich finde sehr schöne Angewohnheit. Das Kloster war dann wirklich atemberaubend schön, wirklich magisch. Vom Kloster aus hatte man den weltbesten Ausblick, inmitten einiger Berge und umgeben von grün, wurde selbst ich ein wenig andächtig.  Nach einem kurzen Walk durch das Kloster (ich bin bei Glaubensstätten jeglicher Art stets sehr vorsichtig und zurückhaltend) – kehrte ich nun den Rückweg an.

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Motsameta Kloster von weitem
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Innschriften
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Das Kloster
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Die Umgebung

Ich überlegt mir diverse Abwehrhandlungen, falls der schreiende Mann weiterhin am Straßenrand säße. Das tat er dann glücklicherweise nicht mehr, zumindest nicht mehr dort, wo er zuvor saß. Also ging ich etwas erleichtert weiter. Und natürlich einige 100 Meter weiter, kam er dann wieder. Doch wie zuvor blieb es beim herumschreien (es hörte sich an, als bezeichne er mich als Hure, aber was weiß ich, die Tiefen der georgischen und russischen Sprache sind mir in diesem Fall glücklicherweise nicht geläufig). Danach war ich immerhin sehr erleichtert, nun wusste ich ja, dass er hinter mir lag und nirgendwo mehr lauern konnte.

Der Weg zum zweiten aber bedeutenderen Kloster führte mich nun eine recht lange Zeit die viel befahrene Straße entlang.  Ich ließ mich nicht stören und kam ungehindert voran, vorbei an einem kleinen „Market“, wo ich mir leckeres Eis besorgte und den Kühen beim Spazieren zusah. Weiter ging es, endlich wieder bergauf. Ich wand mich wieder eine immer enger werdende Dorfstraße entlang, vorbei an frei laufenden Schweinen und im Abstand von 5 Minuten kamen mir 3 Mal kleine Jungs entgegen – ich war etwas skeptisch, was mich wohl erwarte, doch dieses Rätsel löste ich leider nicht. Beim Gelati Kloster angekommen, musste ich feststellen, dass dieses zwar größer als das Motsameta Kloster, allerdings für mich viel weniger zauberhaft wirkte, was sicherlich auch der viel größeren Zahl an Touristen (Null vs. viele) zu verdanken war.

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Die armen haben auch Hunger
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Hier mal in lebend – Sonnebad

Denn das Gelati Kloster gehört zum Weltkulturerbe der UNESCO und zieht damit weitaus mehr Interessenten an. Nach einem weiteren Rundgang in Gelati machte ich mich auf den Rückweg nach Kutaissi.

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Gelati Durchblicke
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Blumen in Gelati
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Gelati + alte Akademie
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Super (Kuh) Markt

Ich lief in der prallen Sonne und freute mich sehr über das Gesehene – ich packte mir ein wenig Musik auf die Ohren und war so glücklich und rundum zufrieden mit mir und der Welt, dass ich einfach so und wie aus dem Nichts weinen musste. Ja ich werde alt und schrullig, aber was gibt es denn bitte schöneres, als Natur, interessante Kulturen entdecken, seine eigenen Erfahrungen machen, wertschätzen, wie gut es einem eigentlich geht, Sonne und Musik auf den Ohren. Besser hätte es einfach nicht sein können. Erstaunlicherweise wurde ich auf der selben Straße auf der ich bereits zum Kloster gelaufen war, nun im 5-Minutentakt von anhaltenden (ausschließlich) Herren gefragt, ob sie mich denn mitnehmen sollen (ich denke, dass sie das gefragt haben). Dies kam für mich natürlich nicht in Frage und nachdem bereits 4 nette Herren (die nach einem NEIN einfach weiterfuhren) und 2 weniger nette (die ich erst 2 Minuten ignorieren musste, ehe sie wieder weiterfuhren) Herren vor mir anhielten, war es mir dann doch ein wenig lästig. Sicherlich war größtenteils Höflichkeit im Spiel – aber man weiß ja nie. Ich ließ mich dennoch so gar nicht von meiner guten Laune abbringen und lief einfach immer weiter, bis ich in Kutaissi ankam.

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So sehen sie ja ganz friedlich aus…
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Panorama View

Da Ostern war, waren wirklich beinahe alle Geschäfte geschlossen und ich zog lange durch die Stadt, bis ich endlich etwas Essbares fand. Vom Vortag erinnerte ich mich noch an eine Art belebten Biergarten direkt am Fluss Rioni, welchen ich zuletzt ansteuerte – und ich hatte Glück – dieser war geöffnet und mein Glück war perfekt, ich gönnte mir eine (abscheulich schmeckende) grüne Brause und einen Obstsalat und genoss das Treiben um mich herum.

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Mein Blick vom Biergarten

Als ich drei Stunden später wieder am Appartment aufschlug, ahnte ich schon, was mir bevorstünde. Ich setzte mich wieder an den runden Gartentisch und erlebte das Prozedere des Vorabends wieder. Trinksprüche, anstoßen, probier dies, das musst du aber wirklich noch versuchen. „Nina wir rufen die Polizei – es ist nicht erlaubt, so wenig zu trinken“ – gut, wenn 4 Gläser Wein um 18 Uhr wenig sind, dann hatten sie sicher recht… Da mein Flug zurück nach Katowice am nächsten Morgen um 4 Uhr gehen würde, war ich etwas besorgt, am Ostermontag ein Taxi zu bekommen, Gegi und Jubi halfen mir allerdings und bestellten für mich ein Taxi für 2 Uhr Nacht.

Ich hatte also irgendwann die Ausrede, wenigstens einmal für eine kurze Weile zu verschwinden, um meine Tasche zu packen. Gegis Mutter, hatte anscheinend besorgt registriert, dass der arme Gast, also ich abgefüllt wurde und sich schon besorgt bei den anderen erkundigt, ob es mir gut ginge. Nachdem ich nun eine Weile verschwunden war, kam sie zu mir ins Apartment um zu sehen, ob alles gut sei. Wir konnten zwar auf keiner Sprache kommunizieren, trotzdem rührte es mich so sehr, dass sie sich so um mich sorgte.  Ich versicherte ihr (mit Daumen hoch), dass alles gut sei und ich nur packe und mich dusche und ging dann später wieder in die Runde zurück. Nach einer Stunde war dann auch der zweite feuchtfröhliche Abend zu Ende und ich legte mich noch mal für 2 Stunden (wohlgemerkt vollkommen betrunken und in Klamotten) schlafen.

Kurz vor 2 klingelte mein Wecker, als ich von der Toilette kam, stand bereits Jubi in meinem Flur, der sich ebenfalls extra den Wecker gestellt hatte, um sicherzustellen, dass ich auch wirklich aufwachte, wenn das nicht schon rührend genug gewesen wäre, stand da neben ihm auch noch seine Schwester, die sich ja am Abend schon um mich gesorgt hatte. Ich war wirklich tief gerührt und drückte beide noch einmal fest zum Abschied. So viel Gastfreundschaft und Herzlichkeit, war zu viel für meine sensible Seite. Nach 2 Stunden Warten am Flughafen und 4 Stunden Flug, landete ich um 6 Uhr morgens im kalten Katowice – unendlich müde entschied ich, nach einer Mitfahrgelegenheit zu suchen, da mein Bus erst in 4 Stunden fahren würde und meine Geduld durch Schlaflosigkeit wirklich am Ende war. Die Mitfahrgelegenheit kam und die Fahrt hatte noch so einiges abenteuerliches an sich, doch am Ende dieser 6 abenteuerlichen Tage landete ich wieder wohlbehalten und müde in meinem Friedrichshainer WG-Zimmer. Doch der Blick auf meine kleine Welt war nun doch ein ganz anderer geworden…

Lest hier mehr zu meinen Reisen nach….

Bosnien
Kosovo
Montenegro
Athen
Mancherster und Wales
Italien

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5 Kommentare zu „Mein Traumreiseziel Georgien

  1. Hallo Nina,

    Hallo Nina,

    ich komme selbst aus Georgien aber, so schön wie du deine reise beschrieben hast hätte nie gekonnt. Obwohl du kein Georgisch sprichst hast du alles so wahrgenommen wie es wirklich ist! Ich bin mit dir mitgereist 🙂
    Liebe Grüße
    Marie aus Berlin schmargendorf😍

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    1. Hallo Marie! Erstmal vielen Dank für die netten Worte – ich freue mich sehr, wenn ich ein wenig getroffen habe, was Georgien wirklich ausmacht – denn als Tourist sieht man ja stets alles aus einer ganz anderen Perspektive. Woher kommst du aus Georgien? Kannst du ein gutes Georgisches Restaurant in Berlin empfehlen?

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