Allgemein · Leben

7 Wochen ungeschminkt – mein Fazit

Mittlerweile sind einige Wochen seit dem Ende meines Experimentes vergangen. Dennoch wollte ich gerne Revue passieren lassen, wie ich die zweite Halbzeit erlebte.

Gestern sah ich den Film Embrace im Kino. Ein Film, der zum einen den Werdegang von Taryn Brumfitt erzählt, eine Mutter von 3 Kindern, die ein Leben lang mit ihrem Körper, ihrem Gewicht, den Spuren der Zeit zu kämpfen hatte, bis sie sich entschied, dies nicht mehr mitzumachen. Sie postete ein vorher/nachher Bild von sich auf facebook – allerdings nicht so, wie wir  es gewohnt sind. Auf ihrem vorher Bild war sie komplett durchtrainiert, nahm an einem Bikini-Contest Teil. Monatelang hatte sie darauf hintrainiert, um sich zu beweisen, dass sie auch so dünn sein kann, um endlich glücklich zu sein. Was sie dann herausfand, war bahnbrechend für sie.

Sie war nicht glücklicher – nur dünner, hatte Heißhunger, wenig Zeit mit ihren Kindern verbracht und hörte hinter die Bühne die anderen – nahezu körperfettfreien Frauen über ihre Problemzonen lamentieren. Am nächsten Tag beendete sie ihre Diät und ihr massives Sportprogramm – und begann einfach zu leben. Gesund aber reichhaltig essen, Sport, weil es fit hält und stark macht. Sie war rundum mit sich im Reinen und entschloss sich, dies mit der Außenwelt zu teilen. So veröffentlichte sie auf facebook zeitgleich ihr nachher-Bild – nackt – nur das intimste verdeckt. Schöne Rundungen, kleine Speckröllchen – wie die meisten Frauen eben aussehen. Was dann passierte, hätte sie nie erwartet: Ihr Post ging viral, wurde wieder und wieder geteilt und immer mehr Frauen schrieben ihr, teilten ihre Geschichten, Schicksale und Erfahrungen.

Da war für sie die Idee geboren, einen Film zu produzieren, der sich mit genau diesem Thema beschäftigt: Bodyshaming, Schönheitsideale, Retuschierte Bildchen, die Realität vorgaukeln…  Englischer Trailer

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Taryn Brumfitt und Nora Tschirner stellten sich nach dem Film Rede und Antwort

Der Film hat mich tief bewegt, ich musste die Hälfte der Zeit weinen, zum einen, weil mich die Schicksale der Frauen in diesem Film sehr berührt haben, die Tatsache, dass so viele Menschen Tag für Tag für ihren Körper, ihr Aussehen be- und verurteilt werden. Wie traurig ist es, dass so viele von uns jeden Tag mit sich hadern, statt einfach anzunehmen und die vielen guten Seiten an sich selbst zu entdecken.

Zum anderen hat es eben auch genau meine Schwachstelle erwischt. Ich bin bald 28 Jahre alt und lerne mehr und mehr, mich toll zu finden, so wie ich bin, aber das war gewiss nicht immer so und ich will gar nicht wissen, wie viele unnötige Gedanken ich an Make-Up, zu-dick-sein, jemandem nicht gefallen usw. verschwendet habe. Es liegt mir so sehr am Herzen, dass so viele Menschen wie nur möglich davor geschützt werden, ihre Zeit mit so unwichtigen Gedanken zu verbringen.

Aber wie ging das Experiment nun weiter?

Nach 3,5 Wochen war mein Umfeld so ziemlich gewöhnt an mein ungeschminktes Ich und ich freute mich jeden Tag aufs neue, einfach aus dem Haus gehen zu können. Zähne geputzt und fertig. Eines Tages kommentierte eine Tina meinen Blog. Sie sei zufällig auf mich aufmerksam geworden, da sie sich selbst gerade an diesem Experiment versuche. Wir tauschten schnell Nachrichten und Kontakte aus, schrieben ein paar Mal und da fragte sie schon, ob wir uns nicht einmal treffen wollen, sie sei bald in Berlin.

Gesagt, getan und wenige Tage später umarmte ich eine fast vollkommen Fremde, die doch so gar nicht fremd war, irgendwo nahe der Friedrichstraße. Ich hatte wenig Zeit, so liefen wir durch die Stadt und tauschten gespannt unsere Erfahrungen aus. Da ich ansonsten auf viel Unverständnis diesbezüglich stieß (entweder weil Einige gar kein Problem im nicht-Schminken sahen oder weil sie selbst niemals verzichten würden), war es sehr wohltuend, sich einmal mit einer Gleichgesinnten auszutauschen, noch dazu war Tina einfach cool!

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Zu Weihnachten hatte ich meiner Freundin Conny ein Freundschaftsfotoshooting geschenkt, dieses musste noch vor Ablauf der Fastenzeit eingelöst werden. Ich überlegte hin und her, wie ich mit der Situation umgehen wolle. Ich entschloss mich für wenige Stunden eine Ausnahme zu machen und eine dicke Schicht Make-Up aufzulegen – ich könne mich danach ja wieder abschminken. Als der Tag gekommen war, war ich dann wirklich heilfroh, ich hatte ein bisschen Kummer und einige Tränen verdrückt und das sah man mir auch an. Also Make-Up aufgelegt, Maskara in 3 Schichten und sie da, mein Selbstbewusstsein war wie verdreifacht. Ich genoss es, mich “schön” zu fühlen und spürte den Ego-Boost.

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Am Abend entfernte ich zwar das Make-Up, ließ den Maskara allerdings dran und erfreute mich noch 3 Tage heimlich an dem bisschen Farbe. Offensichtlich war ich alles andere als geheilt. Die letzte Zeit des Experimentes verlief unspektakulär. Sobald ich wieder “durfte”, trug ich Maskara auf und später und je nach Hautbild auch wieder Make-Up. War das Experiment nun also sinnlos?

War das ganze Experiment sinnlos?

Ganz und gar nicht. Ich habe mich selbst besser kennengelernt, ich habe mich oft verletzlicher – aber vielleicht eben auch mehr wie ich selbst – gefühlt. Ich habe mir Gedanken um mich und mein Umfeld gemacht, im Bestfall ein bis zwei Menschen inspiriert und einen anderen Blickwinkel auf einige Themen erhalten. Wenn ich heute eine ungeschminkte junge Frau sehe, dann denke ich nicht mehr “Oh man die lässt sich aber gehen” – sondern viel eher “Wow – was für eine starke, unabhängige Person”.

Wie ich bereits am Anfang des Artikels zu formulieren versuchte, geht der Schönheitsdruck natürlich weit über das hübsche Gesicht hinaus. Das Thema “schlank sein müssen” – ist wahrscheinlich ein noch viel größeres, als das Make-Up Thema und auch diesem bin ich oft vollkommen hilflos ausgesetzt. Ich habe zum Beispiel immer Angst gehabt, wie das wohl wäre, wenn ich schwanger werde, wie “schlimm” mein Körper danach aussähe, ob ich dann überhaupt noch liebenswürdig sei… auch viele meiner Freundinnen teilen diese Ängste. Wo das doch der letzte Grund sein sollte, sich gegen Kinder zu entscheiden.

So oft stehe ich vorm Spiegel und frage mich, “ob ich das so tragen kann oder das Teil nicht zu sehr aufträgt”. Bullshit. Niemanden interessiert das und je unperfekter und glücklicher wir durch die Welt laufen, desto bessere Vorbilder stellen wir dar. Je weniger versteckt, übermalt, kaschiert wird, desto eher erkennen andere, was eigentlich “normal” ist – sehr weit entfernt von Magazin-Covern und Werbefilmen (UND INSTAGRAM-FITNESS-MENSCHEN).

Da werfe ich doch direkt mal meine neue Motiv-Leggings an – trägt auf – passt zu nichts – ist einfach schön und lässt mich lächeln.

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Links zum Thema:

http://Kritisches Filmurteil der Zeit

Die Welt über Embrace

Nora Tschirner (Co-Produzentin über Embrace)

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