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Zwischenfazit – 7 Wochen ungeschminkt

Seit nunmehr 23 Tagen verlasse ich das Haus jeden Morgen komplett ungeschminkt. Dies dürfte mir zuvor das letzte Mal im Alter von 12 Jahren passiert sein.

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Bevor das Experiment für mich losging, machte ich mir viele Gedanken darüber, wie es wohl sein, wie ich mich fühlen würde und insbesondere darüber, warum mich dieses Thema so bewegt.

Und dann kam der erste Tag. Und es passierte – NICHTS. Ich ging zur Arbeit und niemand lief schreiend davon oder musste seinen Blick von mir abwenden. Niemand behandelte mich anders und alles in allem war alles schlichtweg wie immer.

Dennoch war natürlich meine Selbstwahrnehmung geschärft. Ich beäugte mich immer wieder skeptisch im Spiegel und ging davon aus, dass alle sich höflich mit ihrer Meinung zurück hielten und insgeheim doch dachten, naja, die soll sich mal besser wieder schminken.

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Die ersten Tage vergingen. Ich empfand es insbesondere als spannend, mir tagsüber die Augen reiben zu können. Das hört sich vielleicht komplett bescheuert oder nicht nachvollziehbar an, für die die sich eher selten bis nie schminken. Tatsächlich ist es jedoch so, dass meine Augenpartie seit Jahren tagsüber quasi eine No-Touch-Area darstellt. Einfach mal müde die Augen reiben, geht nicht, sich an den Partner schmiegen – hauptsache der Mascara verschmiert dabei nicht – oder noch besser eklige braune Make-Up Flecken am T-Shirt des Gegenüber. Wenn es regnet und man verlässt frisch geschminkt das Haus, gilt es, das Gesicht so gut es geht vor der Natur zu schützen. Eigentlich ist man dauerhaft wie in einer Art extra zerbrechlichen Zusatzschicht unterwegs. Ein Wunder, dass man sich das dauerhaft antut.

Jedoch war ich ziemlich froh, dass ich in den ersten Tagen außer zur Arbeit gehen kaum Vorhaben hatte, an denen ich mich öffentlich zeigen musste. An einem Wochenende traf sich meine Familie zum Frühstück. Mein Experiment hatte ich nicht mit ihnen geteilt – sodass ich tatsächlich mehrfach den bereits erwarteten Spruch “du siehst aber wirklich müde und geschafft aus” hören musste – und das, wo ich mich gerade zu arrangieren begann. Dies war natürlich überhaupt nicht böse gemeint, eine weniger gleichmäßigere Hautfarbe sowie die kleiner wirkenden Augen machen eben einen minimalen Unterschied.

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Witzig war, dass ich tatsächlich nicht so genau wusste, ob und wie ich ungeschminkt mit der Hautpflege umgehen sollte. Ich fragte mich, ob man sich ungeschminkt eigentlich auch das Gesicht waschen muss und tatsächlich genoss ich es, abends einfach mal so wie ich war ins Bett zu fallen. Andererseits vermisste ich sogar, irgend etwas in mein Gesicht zu schmieren, so dass ich wesentlich häufiger zu Gesichtscreme und co greife, als ich das üblicherweise tue. Tatsächlich ist meine Haut wesentlich besser geworden, dies ist möglicherweise jedoch auch meinem zusätzlichen Zuckerverzicht zuzuschreiben oder der neuen Pille, die ich nehme.

Ich möchte wirklich ehrlich mit dem Thema umgehen und – viele meiner mir etwas peinlichen Gedanken teilen. Dieses Ungeschminktsein ändert bisher tatsächlich in mir, dass ich glaube, mein Umfeld denkt anders von mir, ich fühle mich, wenn ich nicht besonders schöne Kleidung trage, total verlottert und gehe einfach davon aus, dass ich wesentlich weniger Aufmerksamkeit bekomme. Schlimm ist das für mich nicht, aber ich nehme es eben wahr, dass ich meinem Umfeld eher negative Gedanken bezüglich mir zuschreibe. Jedem, der sagt, ich sehe doch so auch ganz gut aus, glaube ich nicht und ich rede mir sofort ein, dass sie das aus Pflichtgefühl sagen.

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Besonders deutlich wurde mir meine negative Einstellung, als einer unser Geschäftsführer durch das Büro ging und sich nach dem Status unserer Fastenzeit erkundigte (viele meiner Kollegen versuchen auch auf etwas zu verzichten: zB Zucker, Fleisch, Koffein, Heroin, etc. ) – als er zu mir kam, sagte er nur, “ja du bist ja offensichtlich nicht geschminkt”. Total beleidigt antwortete ich: “Na danke” – erst später resümierte ich, dass in seiner Aussage einfach kein Funken Beleidigung enthalten war. Er hatte lediglich festgestellt, dass ich meine Challenge durchhalte und weiter ungeschminkt bin.

Eine weitere kleine Begebenheit, die mich in meinem Anliegen, dies mit euch zu teilen, bestärkt hat, begab sich eines Abends, als mein Freund nach Hause kam und mir erzählte, dass seine Kollegen gefragt hätten, wie es IHM denn mit meinem nicht-Schminken ginge. Wie bitte? Geht`s noch? Sicher hat das niemand böse gemeint, aber allein die Bedeutung dieser Frage sagt doch einiges über das Denken einiger Menschen in unserer Gesellschaft aus. Der Arme muss jetzt mit einer ungeschminkten, nicht vorzeigbaren Freundin herumschlagen…

In der letzten Woche war ich nun mehrfach in meiner Stammkneipe verabredet, und siehe da, es war auch hier alles wie immer. Ich redete mit ein paar Bekannten, wurde angeflirtet, hatte Spaß – so langsam wächst mein Selbstvertrauen und gleichzeitig sinkt die Bedeutung, die ich meinem Aussehen zuschreibe.

Nun stehen mir weitere 3 ½ Wochen bevor und da ich vom 12.-17.4. also bis nach dem Ende der Fastenzeit in den Urlaub fahre, werde ich sogar noch um 2 Tage verlängern. Denn alleine das mehr an Zeit am Morgen – sowie die Tatsache, dass mein Handgepäck, welches für 6 Tage ausreichen muss, um 1 Make-Up Flasche, einen Spiegel, einen Mascara, 2 Lippenstifte, 1 Concealer und Make-Up Entferner, leichter sein wird ist wohl ein absolutes Argument. Mal abgesehen davon, dass blond sein und blaue Augen haben in Georgien eventuell schon ausreichen könnte, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Was mir für mein Zwischenfazit wichtig ist: ich habe mit vielen Frauen darüber gesprochen, die gesagt haben, sie würden niemals auf Make-Up verzichten. Ich sage jetzt: probiert es doch erst einmal aus, gönnt euch, eurem Gesicht und eurer Seele eine Auszeit. Denn wir sind doch wirklich sehr viel mehr als diese kleine Fläche im Gesicht. Die einzigen, die euch im Weg stehen, seid ihr selbst (und da schließe ich mich zu 100% mit ein). Aber jeder Freund, der dann nicht mehr unser Freund sein will, jeder Partner, der uns  weniger mag, einfach jeder, der uns deswegen schlechter behandelt, ist es nicht Wert, Teil unseres Lebens zu sein und noch viel weniger, unsere Zeit mit so unwichtigen Dingen, wie dem richtigen Teint oder dem schönsten Wimpernaufschlag verschwenden zu lassen. Ich will doch viel lieber gut in meinem Job sein, nett zu meinen Freunden, viel Zeit mit der Familie verbringen, als einfach nur etwas besser auszusehen.

 

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2 Kommentare zu „Zwischenfazit – 7 Wochen ungeschminkt

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