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7 Wochen ungeschminkt – Ein Selbstversuch

Da ich mich in den letzten Wochen aus verschiedenen Gründen etwas mehr mit mir und meinen Problemchen und Merkwürdigkeiten beschäftigt habe, kam ich während meiner Überlegungen, was ich in der Fastenzeit(01.03.-15.04.) noch zusätzlich fasten will, auf die Idee 7 Wochen komplett auf Make-up zu verzichten.

Viele fragen sich natürlich, was denn jetzt daran bitte so ein großes Problem sein soll.

Tja, natürlich, objektiv betrachtet bedeutet es 5–10 Minuten Zeiteinsparung pro Morgen für das Schminken und 5–10 Minuten für den Abend fürs Abschminken. Zusätzlich spare ich sogar noch an nennen wir sie mal Materialkosten (sagen wir mal 20 Euro für den gesamten Zeitraum). Beim Sport verschmiert nichts mehr und bei Regen kann ich mein Gesicht getrost in die Freiheit strecken.

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Nein ich bin nicht krank

Und dennoch ist es für mich sicherlich eine der größeren Herausforderungen, die ich mir im Moment so vorstellen kann und gleichzeitig ein sehr emotionales Thema.

Wenn ich von meinem Vorhaben erzähle, dann spalten sich die Reaktionen in zwei Lager: die einen, die sagen – “Oh mein Gott, das würde ich nicht mal für Geld tun” und die anderen, die gar nicht verstehen, wo da genau das Problem liegt.

Warum also ist das so schwierig, einfach mal eine Schicht Farbe im Gesicht wegzulassen?

Wer sich generell schminkt, kennt das, einmal ohne Make-up gesichtet, wird man direkt gefragt, ob es einem gut gehe, oder ob man krank sei. Man fühlt sich unsicherer oder hat gar das Gefühl, man wird angestarrt, wenn man dann noch 1–2 Hautunreinheiten hat, glotzt gefühlt die halbe U-Bahn auf die rote Stelle. Aber das ist sicherlich nur das oberflächliche Problem.

Ich glaube, dass dahinter noch viel mehr steckt. Natürlich kann ich hier nur für mich sprechen und aus meinem Erfahrungsschatz. Und ja ich bin sehr traurig darüber, dass ich diese Erfahrungen gemacht habe, aber beginnen wir einmal mit der kurzen Zeitreise.

Es gab da diese Zeit, bevor ich kritisch in den Spiegel blickte und mir Farbe ins Gesicht malte. Sie hielt vielleicht bis ich 12 war. Und auch mit 11 oder 12 dachten wir Mädchen schon darüber nach, wer von uns dünn oder hübsch genug war und ob die Jungs uns süß finden. Mit dem Make-up kam dann tatsächlich auch das Interesse, was ich oder vielleicht auch ein paar andere sich erhofft hatten. Nebenbei laufen Fernsehsendungen wie Germanys Next Topmodel an und man lernt, dass eine Bewertung der Person nach Körpermerkmalen vollkommen normal zu sein scheint.

Wenn einem dann in der Familie oder im engeren Umfeld niemand einen Arschtritt gibt und mal so richtig von vorne bis hinten erklärt, worüber man sich lieber definieren sollte (Emotionalität, Intelligenz, Mut, Freundschaft, Erfolge, das eigene Empfinden von Glück), dann fällt es ziemlich schwer, den Kopf für die richtigen und wichtigeren Dinge freizumachen.

Später kam dann noch facebook, instagram und co. hinzu. Nun konnte man sich endlich auch noch mit Fremden vergleichen, wer mehr Urlaub macht und wer beim Sport besser aussieht.

Ich weiß das hört sich tragisch an, aber wenn ich ganz ehrlich mit mir selbst bin, dann glaube ich tatsächlich, dass es Leute gäbe, die nicht mehr mit mir befreundet wären, wenn ich nicht mehr geschminkt wäre, oder nicht dünn genug. Natürlich weiß ich auch, dass Menschen, die danach wählen sicherlich auch keine guten Freunde sein könnten – dennoch bleibt diese Angst. Wenn man schon bei Freundschaften solche Gedanken hat, wie ist es dann erst in der Partnerschaft? Ich gehöre nicht zu den 50 % der deutschen Frauen, die von sich sagen, dass sie sich niemals ungeschminkt vor Familie oder Partner zeigen würden (http://diepresse.com/home/leben/mensch/1471041/Studie_Jede-zweite-Frau-ist-nie-ungeschminkt) – dennoch tue ich dies nur ungern und mit äußerster Verunsicherung Gleichzeitig misstraue ich jedem, dass er mich nicht meines Charakters, sondern meines Aussehens wegen mag und setzte mich damit selbst unter Druck.

Vor einer ganzen Weile las ich einen Bericht der New York Times, dort wurden Probanden verschiedene Bilder von Frauen gezeigt, jede Frau war einmal geschminkt und einmal ungeschminkt im Bilderpool. Die Personen (sowohl Männer als auch Frauen), sollten die Frauen nach Kompetenz einschätzen. Dabei gewannen die geschminkten Frauen deutlich. http://www.nytimes.com/2011/10/13/fashion/makeup-makes-women-appear-more-competent-study.html?_r=1& Ob sich das nun im Berufsalltag auswirkt, ist damit natürlich nicht erforscht, bei einem Bewerbungsgespräch kann man das Kompetenzempfinden des Interviewenden allerdings damit beeinflussen, ein wenig mehr Farbe aufzulegen.

Der Mensch lernt aus Erfahrungen und diese lehren uns leider noch immer sehr häufig, dass besseres Aussehen zu mehr Erfolg, mehr Freunden und einer besseren Partnerschaft führt und das ist Studien zu Folge auch nicht auf eine niedrigere Bildungsschicht zurückzuführen.

“Rund ein Drittel der Befragten (30 %) glaubt, dass sie mehr Erfolg bei Männern hätten, wenn sie besser aussähen. Erstaunlich: Das denken deutlich mehr Frauen mit höherer Bildung (40 %) als jene mit Hauptschulabschluss (24 %). http://www.presseportal.de/pm/78825/2735540

Was ist nun mein persönliches Fazit? Ich könnte jetzt diese böse “Gesellschaft” verantwortlich machen für meine Gehirn-Gespinste  – doch darauf kann ich sicher lange warten. Was ich jedoch tun kann, ist mich selbst damit auseinanderzusetzen, warum ich so denke und mir selbst auch ungeschminkt genug Wert zu sein. Ich will hiermit auch  nicht erreichen, dass mir Leute sagen, du siehst doch ungeschminkt auch hübsch aus. Ich will erreichen, dass mir das einfach mal egal ist.

Wichtig ist mir dabei jedoch auch, dass ich Schminken als solches nicht als Zeichen der mangelnden Wertschätzung gegenüber sich selbst darstellen will. Sicherlich war es (in Kombination mit Miniröcken und engen, tief ausgeschnittenen Blusen) lange Zeit Mittel zur Befriedigung männlicher Wünsche und Vorstellungen – heute kann ich frei entscheiden, ob und für wen ich mich “hübsch” mache oder es eben auch als gezieltes Instrument nutze, meine Umwelt zu manipulieren. Mit meinem Experiment will ich erreichen, mich ungeschminkt, meiner selbst wegen wohl und gut zu fühlen. Mich wegen meiner Stärken sicher zu fühlen und meine Aufmerksamkeit auf wichtigere Dinge im Leben zu richten. Dass es sicher nicht einfach wird, wird wahrscheinlich aus meinem Artikel deutlich und dass ich bereits gegoogelt habe, wie man ungeschminkt besser aussehen kann, (http://www.elle.de/ungeschminkt-schoen-ohne-makeup-252087.html) verheimliche ich hier mal 😉

Weitere spannende Artikel zu diesem Thema habe ich hier mal aufgelistet:

Mein Zwischenfazit nach 3,5 Wochen

Ein schöner kritischer, feministisch angehauchter Artikel über das nicht Schminken http://healthandthecity.de/zersetzt-make-up-das-selbstwertgefuehl/

Der Selbstversuch einer jungen Frau (1 Woche ohne)
http://www.cosmopolitan.de/eine-woche-ungeschminkt-ich-habe-1-woche-komplett-auf-make-up-verzichtet-und-es-aenderte-mein-leben

Selbst wenn ungeschminkt in Social Media und Co beworben wird, wird ordentlich getrickst
https://www.welt.de/icon/article145588089/So-viel-Arbeit-ist-es-ungeschminkt-auszusehen.html

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7 Kommentare zu „7 Wochen ungeschminkt – Ein Selbstversuch

  1. Hallo😊

    Ich finde dich (aus meiner Sicht) unglaublich mutig! Auch ich gehe nie ungeschminkt aus dem Haus…zumindest bis vor kurzem noch. Da ich Mutter geworden bin und die Zeit daher wirklich seeeehr knapp bemessen ist, bleibt mir manchmal nichts anderes übrig. Und ich könnte mich jedes Mal in Grund und Boden schämen. Das passiert auch wirklich nur, wenn es gar nicht anders geht. Ich versteh dich also vollkommen und freu mich mit dir, wenn du es schaffst, dich zu „befreien“! Davon hätt ich gern eine Scheibe ab😉

    Alles Liebe,
    Leona

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    1. Hallo Leona!

      tatsächlich waren die ersten 2 Tage für mich hart, ich habe ständig und bei jeder Gelegenheit in den Spiegel gesehen und überprüft, wie schlimm es jetzt ist. Zuerst graute es mich sogar, wenn ich bei Freunden eingeladen war und ich hatte einfach keine Lust auf die Kommentare. Ein Glück habe ich die Botschaft so weit verbreitet, dass ich dieses Experiment mache, dass ich gar nicht soo viele Kommentare diesbezüglich bekommen habe und wenn dann sogar oft sehr positive! Sei es, dass mir Leute sagte, sie mögen Natürlichkeit, oder eben nur „so schlimm ist es doch gar nicht“ – am wichtigsten ist mir ja bei der ganzen Sache sowieso, dass am Ende nicht zählt, „trotzdem hübsch“ zu sein, sondern, dass es mir einfach egal ist und andere Qualitäten wieder wichtiger werden. ZB als guter Mensch oder in deinem Fall als gute Mutter leben zu können und meinen Selbstwert aus diesen Dingen des Lebens zu ziehen.

      Witzigerweise sind die Einzigen, die sich negativ geäußert haben, meine Familienmitglieder gewesen, die allesamt meinten, ich sehe aber sehr geschafft und krank aus 🙂 Alles wohl Gewöhnungssache.

      Wofür schämst du dich denn eigentlich ungeschminkt? (Bei mir sind es Pickel und Pickelmale, Narben etc) Ich glaube man interpretiert echt viel zu viel in die Gedanken der anderen und oft fremden Menschen. Sicher wird niemand denken: „Oh Gott, was ist denn mit der los“ – Ich hatte eher das Gefühl, die von denen ich die schlimmsten Reaktionen erwartet habe, sind am positivsten damit umgegangen.

      Viele liebe Grüße,

      Nina 😀

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  2. Hallöchen nochmal😄

    Ich weiß auch nicht, es hat sich so entwickelt. In der Pubertät hatte ich öfter mal einen Pickel. Nicht tragisch, jedoch in dem Alter kaum zu ertragen🙈 mit 14 fing ich somit an, mich zu schminken. Und bekam dafür immer Komplimente. Was natürlich seinen Teil dazu beitrug, dass ich mich weiterhin schminkte. Auch ohne Pickel, die sind längst Geschichte. Wenn ich dann mal einen Tag ungeschminkt rausging, bekam ich auch immer zu hören, dass ich so blass und krank aussehen würde. Ich bin ein nordischer Typ: blond, blauäugig, blass. Daraufhin schminkte ich fröhlich weiter und irgendwann ging es nicht mehr anders. Ich fühle mich, ähnlich wie du, immer angestarrt und beobachtet ohne Schminke. Obwohl alle sagen, dass ich es nicht nötig hätte und natürlich schön bin. Hahaha😜 die kennen mich ja auch nicht ohne Make-up😉 ich find mich ungeschminkt eigentlich nicht hässlich, aber auch nicht „außenwelttauglich“. Mein Freund versteht das nicht. Er liebt mich ungeschminkt und ihn nervt es manchmal. Na ja, ich kann nicht aus meiner Haut😉

    Ich bewundere dich für dieses Experiment😉 vielleicht gibst du mir ja am Ende den Mut, es dir gleichzutun. Ich bin gespannt, mit was für Höhen und Tiefen du zu kämpfen hast. Dass du ohne Schminke sehr hübsch aussiehst, brauch ich dir ja nicht sagen😉

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      1. So, jetzt komme ich endlich zum antworten. Gestern Abend isses leider etwas zu spät dafür geworden.

        Also, erstmal finde ich es ganz toll zu lesen, dass ich gerade nicht allein damit auf der Welt bin 😉
        Auch für mich ist das gerade schon eine große Umstellung. Zu meiner bisherigen Tagesroutine gehörte: ein wenig Make up/bzw. Unreinheiten abdecken, Puder und Rouge sowie Augen betonen (etwas Lidschatten/für den Abend auch mal dunkler, Kajal und Mascara). Lippenstift ist so gar nicht mein Ding. That’s it. Also, jetzt keine große Bauernmalerei. Aber, eine solide Basis halt 🙂
        Auch ich habe oftmals Kommentare bekommen wie „Du siehst müde aus.“ oder „Geht es Dir nicht gut?“, wenn ich doch mal einen ungeschminkten Tag eingelegt hatte. Schon früher fand ich das dann immer sehr nervig. So sehe ich halt einfach aus.
        Schon als Teenager hatte ich leider viele Probleme mit unreiner Haut und auch heute (ich bin 34) ist sie leider noch sehr empfindlich. Jetzt, wo ich mich aktuell nicht schminke, hatte ich mir letztes Wochenende eine mattierende Creme gekauft, da mir die glänzende Haut doch ein wenig auf die Nerven gegangen ist. Das Ergebnis: Seit ein paar Tagen habe ich schöne Rötungen und Pickel an Nase und Kinn. Na toll 😦
        Die Creme verschwindet also wieder im Schrank und ich creme weiter nur mit normaler Feuchtigkeitspflege.

        Die größten Herausforderungen lagen bei mir bisher an den Abenden und Wochenenden. Im Arbeitsalltag im Büro stört es mich weniger. Selbst einen öffentlichen Kundentermin habe ich „ganz ohne“ gemeistert. Und auch Kinobesuche (2 an der Zahl) waren jetzt nicht so wild. Kribbelig wurde ich letzten Freitag, als ich mit Freundinnen auf ein Clubkonzert gegangen bin. Das war schon ein wenig Überwindung, dort nicht in den Farbtopf zu greifen. Auch finde ich es momentan noch etwas schwierig, fehlendes Make up durch Klamotte oder eine schöne Frisur zu kompensieren. Irgendwie fehlt immer etwas.

        Als Zwischenfazit nach 3 Wochen kann ich aber sagen: Mich hat bisher niemand, aber auch wirklich NIEMAND darauf angesprochen. 😉 Ich habe auch nicht so recht jemandem von meinem Vorhaben erzählt. Freunde und Familie haben sich vielleicht ihren Teil gedacht – so nach dem Motto „hmm.. irgendwie sieht Tina ein bisschen anders/müde aus“. Mehr nicht.

        Ich selbst fühle mich zwar nach wie vor ein bisschen „schluffig“, bin aber zuversichtlich, dass ich es bis Ostersonntag schaffe.

        Inzwischen sehe ich das jedoch so: Make up ist wie Schmuck. Ein schönes Outfit wird z.B. durch eine Halskette noch einmal aufgewertet. Und mit dem Schminken möchte ich es künftig genau so halten. Es kann einem Look ein i-Tüpfelchen aufsetzen. Der Look funktioniert aber zur Not auch ohne.

        Ach ja: Und dass die Haut auf einmal sooo wahnsinnig super wird, wie viele sagen, das kann ich leider (noch) nicht bestätigen. 😦 Mal abwarten

        OK Du, ich würde mich totel freuen hier auch einen Zwischenbericht über Deine bisherigen Erfahrungen zu lesen.

        Liebe Grüße und halte durch!
        Tina

        PS: Was ich noch nicht getestet habe ist ungeschminkt daten. 😉 Ob ich mir das zutraue weiß ich noch nicht. Das wäre für mich derzeit die Königsdisziplin.

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