Georgien – Kutaissi und Batumi

Meine zweite Georgien-Reise

Gern wollte ich die Osterfeiertage mal wieder für einen Kurztrip nutzen. Ich liebäugelte sehr mit einem zweiten Georgien-Besuch, recherchierte aber Preise und beschloss, dass es mir zu teuer war. Leider waren quasi alle Flüge über Ostern sehr teuer und so checkte ich immer mal wieder aktuelle Angebote. Eines Tages kam ich auf die Idee, den Preis mal in einem anderen Browser zu recherchieren und Schwuppdiewupp – Berlin – Kutaissi 40 Euro günstiger als im Chrome – na wenn das kein Zeichen ist, dann weiß ich ja auch nicht. Also buchte ich und beschloss, mit der weiteren Planung bis kurz vor Reiseantritt zu warten, da mir gutes Wetter nach diesem langen Berliner Winter äußerst wichtig war und ich bereits wusste, dass das Wetter in Georgien trotz relativ kleiner Landesfläche recht stark schwanken kann. Gleichzeitig erkundigte ich mich bei einigen Tour-Anbietern nach tollen Touren. Leider war die Zeit doch zu knapp für eine längere Tour mit Wanderung und die Saison noch zu früh, sodass ich eine Einzeltour, die viel teurer wäre, hätte buchen müssen. Nun gut, dann geht es eben nach Batumi, die drittgrößte Stadt Georgiens, die oft als billiger Las-Vegas Fake beschrieben wird, aber immerhin am Schwarzen Meer liegt und gutes Wetter versprach. Fünf Tage vor Abreise entschloss ich mich also, dass es Batumi werden würde und buchte über AirBnB ein Hotelzimmer, womit ich mich anscheinend nicht so gründlich beschäftigt hatte – auch der Name “Rock Hotel First Line” machte mich offensichtlich nicht skeptisch. Da mein Rückflug sehr früh morgens ab Kutaissi ging, plante ich, den letzten Abend schon wieder in Kutaissi zu verbringen und die tolle AirBnB Familie vom letzten Jahr zu besuchen.

Am Vorabend meiner Reise waren noch zwei Freundinnen bei mir und wir tranken etwas Wein und quatschten. Irgendwann dachte ich, ich sollte vielleicht mal packen, bevor ich gänzlich betrunken bin – später zeigte sich, dass es dafür wohl schon zu spät war… Immerhin packte ich alle überlebenswichtigen Gegenstände wie einen Pass und eine Powerbank ein – schon mal ein Anfang. Gegen 21 Uhr schaute ich auf mein Handy und bemerkte plötzlich eine SMS von Wizzair mit folgendem Wortlaut:

“Dear passenger, we regret to inform you that there has been a schedule change that affects your flight(s) with Wizz Air. Please accept our sincere apologies for the inconveniences this may cause. We have automatically rebooked you onto an alternative flight and all the details regarding the schedule change and the rebooking options were sent to you via email. Thanks for your understanding….”

Ein Glück war ich schon angedudelt und ultra entspannt, dennoch begann ich natürlich sofort nach der erwähnten E-Mail zu suchen – aber nichts – weder im Spam noch im Papierkorb fand sich eine Information über stornierte Flüge und Umbuchungen. Super. Ich hoffte, dass wenn dann der Rückflug betroffen sei und ich im Zweifelsfall einfach länger da bleiben könne – suchte nach einer Kundennummer, die nicht 2,80 Euro die Minute kostete und wurde nach einiger Zeit fündig. Bereits nach 25 Minuten in der Warteschleife ging ein Englisch sprechender Herr ans Telefon. Ich schilderte kurz meine Lage und er antwortete geübt, dass es zu einem Fehler gekommen sei und alles unverändert bleibe. Der Abend war gerettet und ich konnte wieder durchatmen – denn Flugverzögerungen bei einem 3-tägigen Urlaub sind dann ja schon recht ärgerlich.

Gegen 22 oder 23 Uhr machten die Mädels sich auf den Weg und ich traf letzte Vorbereitungen. Irgendjemand hat mir mal den Tipp gegeben, einen Block und einen Stift neben das Bett zu legen, damit man die aufkommenden Gedanken a la was ich morgen früh nicht vergessen darf – sofort aufschreiben zu können. So wirklich viel besser konnte ich dennoch nicht schlafen und so war ich wie so oft weit vor meinem Wecker wach und konnte entspannt den Abflug vorbereiten.

Los geht’s

Vollkommen übermüdet stieg ich gegen 6 Uhr in die Tram – und wer sitzt da? Carola und Martin von den EarnYourBacons – mit Wanderrucksack und Kleidung bestückt. Am Alex trennten sich unsere Wege, ich holte mir mein erstes Fleisch seit 7 Wochen (Ende der Fastenzeit war für mich offiziell angebrochen) in Form eines Mettbrötchens und wackelte weiter gen Schönefeld. Dort klappte alles wie geschmiert und wenig später saß ich im Flugzeug nach Georgien. Neben mir saß ein junger Mann, mit dem ich ins Quatschen kam und der reisetechnisch auf jeden Fall mit mir mithalten konnte – wir tauschten Erfahrungen und Reise-Spartipps und später auch facebook um uns von unseren Reisen auf dem Laufenden zu halten. 3 Stunden 20 Minuten später landeten wir in Kutaisi am Flughafen – wo uns schwüle 10 Grad und leichter Nieselregen nach den Null Grad in Berlin – warm und wohlig vorkamen. Wir verabschiedeten uns und ich holte mir 200 Lari vom Geldautomaten – ungefähr 66 Euro – welche vorerst reichen sollten. Ich zog Richtung Mashrutka (Minibus). Die Fahrt hatte ich sogar vorher gebucht und 15 Lari also 5 Euro dafür bezahlt. Der Fahrer platzierte mich ganz vorne auf dem Beifahrersitz, der sich wie so oft in Georgien auf der linken Seite befand, da viele ihre Autos aus englischen Gefilden bezogen.

Die Fahrtzeit war mit 3 Stunden für 120km angegeben – die Straßenverhältnisse kann man sich dementsprechend ja vorstellen. Zügig fuhr unser Fahrer los, der ganze Bus voller Deutscher (8 Leute waren wir wohl) – die Geschwindigkeitsbegrenzung war stets mit 50 gekennzeichnet – der Fahrer fuhr 90 und wies mich geflissentlich auf meine Anschnallpflicht hin – mit Hand und Fuß natürlich. Seine Überholmanöver waren haarig – aber ich war zuversichtlich, das Ziel heil zu erreichen. Sofort packte mich dieses wohlige Gefühl, was ich schon bei meiner ersten Georgien-Reise erlebte. Die Häuser, die Umgebung, die frei laufenden Kühe – genau das war wieder da. Nach einer Stunde beschloss er an einem kleinen Geschäft anzuhalten und eine Kaffeepause zu beginnen. Schon hier dachte ich, dass Georgien irgendwie immer genau zur richtigen Zeit das besorgt, was ich gerade brauchte. Mit nur einem Mettbrötchen im Bauch – war ich gefühlt schon kurz vor dem Verhungern und hatte mich schon gefragt, wie ich die Fahrt bis Batumi überstehen würde. In dem Geschäft saßen drei Männer an je einem seperaten Tisch, rauchten und beäugten uns Fremde argwöhnisch. Ich war zuerst an der Reihe und zeigte zufällig auf verschiedene Teig-Variationen. Als ich dann meinen 100 Lari schein zückte schüttelte die Kassiererin nur den Kopf – das kann sie im Leben nicht wechseln. Ein weiterer Mitreisender hatte noch 5 Lari parat und konnte mich so mit dem nötigen Geld versorgen. Wir kamen später ins Gespräch und tauschten unsere Georgien Erfahrungen aus.

Batumi

Noch mal eine Stunde später erreichten wir das verregnete Batumi, welches schon von Weitem mit seiner außergewöhnlichen Skyline auf sich aufmerksam machte. Voller Vorfreude schnappte ich meinen kleinen Rucksack und lief gen Meer. Menschenleer gehörte es ganz mir allein und ich war einfach nur happy. Ich lief eine Weile herum, der Regen wurde immer schwächer. Batumi hat seinen ganz eigenen Charme, wenn man den Rest von Georgien kennt, dann fällt es schwer, Batumi auch nur ansatzweise zu begreifen. Eine 130.000 Einwohnerstadt mit den absurdesten Wolkenkratzern, in einem Land, wo Armut doch sehr offensichtlich und allgegenwärtig ist.

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Ich schlängelte mich durch dieses Mini-Las Vegas und kam aus dem Stauen nicht mehr heraus. Immer wieder entdeckte ich witzige Gebäude, Kwas-Abfüllanlagen, eine englische Telefonzelle, den Nachbau des römischen Kolloseums, eine Strandpromenade a la Barcelona, herrchenlose Hunde, Leuchttürme, verfallene Bauruinen, Luxusautos… das Wort “Gegensatz” muss in Batumi erfunden worden sein. Auf dem Weg zum Hotel besorgte ich mir etwas zu trinken und ein paar Backwaren sowie Schokolade und zog dann zu meinem Wolkenkratzer. Die Rezeption befand sich im 9. Stockwerk und erst als ich den Eingangsbereich betrat und an den Zimmern mit Bandnamen statt Zimmernummern vorbeilief realisierte ich, was ein Rock-Hotel wohl zu bedeuten hatte. Die Rezeptionsdame fragte, ob ich russisch spreche und blickte enttäuscht herein, als ich dies verneinte. Das war etwas schade, denn ich musste herausfinden, wie ich am nächsten Morgen zum Mtirala Nationalpark kommen würde, der 30km entfernt von Batumi lag. Sie holte die Hotelleiterin, mit welcher ich dann hervorragend kommunizieren konnte. Gleichzeitig verstand diese überhaupt nicht, warum um Himmels Willen ich so eine weite Strecke für ein bisschen Natur auf mich nehmen wolle – anstatt könnte der hauseigene Fahrer mich doch auch einfach zu einem Wasserfall fahren. Mühsam erklärte ich, dass ich sehr gern selbst eine Strecke zu Fuß zurücklegen wollte. Na gut, der Kunde ist König und so. Die einzige Möglichkeit, die mir blieb, war vom Hotelfahrer mit dem Auto dorthin gebracht zu werden. Für 40 Lari pro Strecke (13 Euro) – was für georgische Verhältnisse unheimlich viel Geld darstellte. Für mich war es okay, schließlich hatte ich mir das so in den Kopf gesetzt. Ich bezog mein Zimmer (“30 Seconds to Mars”), welches von lauter Rock-Music aus den Boxen im Zimmer erfüllt wurde. An den sonst kahlen Wänden hingen Band-Poster und die Einrichtung war grausam. Mir war das relativ egal – ich hatte viel Platz und ein Bett, nach einigem Rätseln bekam ich die Musik ausgestellt und packte meine Wandersachen für den nächsten Morgen. Das vollkommene Durcheinander meiner trunkenen Packaktion wurde mir schnell bewusst. Außer Wanderschuhen hatte ich so ungefähr gar keine Wanderkleidung eingepackt. Also musste ich gezwungener Maßen in den Leder-Leggings losziehen und noch viel schlimmer: auch die Socken hatte ich vergessen – es blieben einzig und allein meine pinken Kuschelsocken – die laut “Blasenmaschine” schrien. Ich packte mir für den Notfall Wechselschuhe ein.

Die Nacht schlief ich abermals eher schlecht als recht, die 2 Stunden Zeitverschiebung plus, die laute Musik aus dem Nachbarzimmer ließen mich einige Stunden wach liegen – erst eine Nachricht an die Hoteldame konnte die Lage etwas verbessern.

Mtirala Nationalpark

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Etwas übermüdet aber voll motiviert stand ich um 06.30 Uhr auf, machte meine Liegestütze und packte die restlichen Sachen zusammen. Nun fiel mir auch auf, dass ich noch ca. 300ml Flüßigkeit mit mir hatte und das für eine Tageswanderung vllt etwas wenig sein könnte. Ich trat aus dem Zimmer und mein Fahrer kam mir bereits entgegen. Ein junger schüchterner Mann, schnell kaufte ich ihm noch einen halben Liter Cola von der Hotelrezeption ab und los ging es. Wir fuhren ca. 45 Minuten und ich versuchte ihn zu überreden, mich bereits abzusetzen, da es ihm nicht reichte, mich bis zum Eingang des Nationalparks zu fahren, er wollte mich bis zum Visitor Center bringen. Der Weg war allerdings wirklich nur Geländewagen geeignet und ich hatte Angst, Schuld am Totalschaden des Hotelwagens zu sein. Irgendwann lenkte er ein und bestand aber weiterhin darauf, mich abends um 18 Uhr am Visitor Center abzuholen. Der Weg bis zum Visitor Center war bereits wunderschön und gleichzeitig fragte ich mich immer wieder, wie ein Auto das schaffen sollte. Wasserfälle überfluteten die Wege und für die Wanderer waren Brücken aufgebaut.

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Diese stellten für mich schon den absoluten Abenteuerfaktor dar, wild wackelten sie und brachten mich über den Fluss. Irgendwann passierte ich eine Stelle, wo nur noch klettern und gut durchdachtes von Stein-zu-Stein-Hüpfen die Schuhe vor vollkommener Durchnässung schützten. Ich will gar nicht wissen, wie bescheuert ich bei dieser Aktion aussah. Sobald es bergab geht, oder rutschig ist, oder Insekten im Spiel sind kann man bei mir eigentlich nur die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Irgendwie schaffte ich es dennoch, das Wasserfall-Rinnsal zu überqueren und meine eigenen kleinen Ängstchen zu überwinden. Nach ca. 3km kam ich am Visitor Center an, welches aus einem kleinen Haus und einer Tafel mit Karte über die verschiedenen Wanderwege bestand. Ich versuchte diese Informationen mit meiner maps.me App übereinzubringen.

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Den “langen” Wanderweg, welcher dort für eine 2-Tagestour angedacht war und welcher 15 km umfasste, fand ich auch in meiner App wieder. Gut, dass ich geübte Langstreckenwandererin bin, ich war mir sicher, die 2-Tagestour locker in meiner Zeit zu bewältigen, daher setzte ich davor noch einen kleinen Abstecher zu einem Wasserfall an meinen Plan. Anfangs war es relativ wolkig, doch der Wetterbericht hatte 15 Grad und Sonne ab nachmittag vorhergesehen, was sich zu bewahrheiten schien. Nach und nach wurde es heller und sonniger und der Nebel verzog sich. Zunächst ging es steil bergauf und ich ahnte, warum die 15 km eine 2-Tagestour sein sollten. Die nächsten 3 Stunden wanderte ich fast ausschließlich bergauf. Auf meiner ganzen Wanderung begegnete mir keine einzige Menschenseele und mal wieder dachte ich mir, dass Georgien einfach mein wahrgewordener Traum ist. So oft dachte ich an anderen schönen Flecken Europas – wie gern ich einmal so einen Ort ganz ohne Touristenschwärme und Souvenirverkäufer erleben würde. Nun konnte ich dies. Der Weg zum Wasserfall war genau mein Niveau – nicht zu waghalsig, aber dennoch herausfordernd. Am Wasserfall angekommen, wurde ich nicht enttäuscht, kalte Wasserspritzer schossen mir entgegen und ich lauschte dem massiven Geräusch.

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Bevor ich gänzlich nass war, lief ich zurück in Richtung der vorhergesehenen Route. Da mir langsam klar wurde, dass mir wohl eher weniger Menschen über den Weg laufen würden, machte ich die Musik auf meinem Handy an und hörte sie laut statt durch Kopfhörer. Begleitet von System of a down, Red Hot Chilli Peppers und Elvis (ja ich hatte leider nur 16 Lieder dabei), genoss ich den Weg und die herauskommende Sonne. Zunächst wunderte ich mich, dass ich den kontinuierlichen Anstieg so gut verkraftete. Denn für gewöhnlich sind Höhenmeter so ganz und gar nicht mein Ding. Dann fiel es mir wieder ein. Verletzungsbedingt war ich in den letzten Wochen statt joggen wieder ins Fitnessstudio gegangen und habe da als einziges aufprallarmes Ausdauergerät den Stairmaster wählen müssen – wer hätte gedacht, dass sich dieses Wesen der Hölle mal bezahlt machen würde. Langsam aber sicher wurde allerdings die Flüssigkeitsthematik ein Problem. Meine Cola war leer und die letzten Wassertropfen dümpelten in der zweiten Flasche vor sich hin. Doch wieder war Georgien mir 3 Schritte voraus – ich kam an einem leerstehenden Haus vorbei, welches außen einen kleinen Wasserhahn befestigt hatte vorbei – genau zur rechten Zeit konnte ich beide Flaschen neu befüllen und unbesorgt weiterziehen. Mit zunehmender Höhe sah ich auf den nebenliegenden Bergen Schnee und setzte mir in den Kopf, dass ich auch sehr gern Schnee haben wollen würde (ein vollkommen Nina-untypischer Gedanke). Also lief ich immer und immer weiter, bis ich tatsächlich die ersten Schneereste unter meinen Füßen hatte – und dann immer und immer mehr. Der Schnee war schon sehr fest und eisig und immer mal wieder sackte ich plötzlich knietief ein – so wanderte ich einige hundert Meter und trat dann den Rücktritt an.

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Da ich nicht den selben Weg zurück laufen wollte, wählte ich den Rundkurs, der leider etwas weniger ansehnlich war, mich jedoch gen Ende mit mehreren kleineren Wasserfällen überraschte. Nach dem anstrengenden stundenlangen Aufstieg stand nun der ebenso herausfordernde Abstieg an, die vielen kleinen losen Steinchen waren wahre Stolper- und Rutschfallen – ab und zu konnte ich das Schneckentempo dementsprechend kaum überschreiten. Relativ früh realisierte ich, dass ich das Visitor Center weit vor der abgemachten Zeit um 18 Uhr erreichen würde und überlegte wild hin und her, wie ich den Fahrer kontaktieren könne, denn ich plante einfach den Weg, den er mich gefahren hatte zurück zu laufen – bis zum ersten Ort Chakvi würde ich es sicher bis 18 Uhr schaffen – aber nicht, dass er dann an mir vorbeifährt oder mich verpasst. Der Weg bis Chakvi bestand nur aus einer Straße, bis dahin würde er mich also sicher bemerken, sollte ich früher als geplant ankommen, würde ich versuchen in Chakvi an Internet zu kommen und ihn dann kontaktieren. Also lief ich los. Mittlerweile fuhren auf dem kleinen Weg immer mal wieder Autos und auch Mashrutkas. Wie bereits aus Georgien gewohnt, fragten beinahe alle pflichtbewusst, ob sie mich mitnehmen sollen. Ich verneinte und ging weiter meines Weges. Als ich wieder zu dem Wasserfall kam, der mir bereits den Hinweg stark erschwerte, erschrak ich etwas. Die warmen Temperaturen hatten sicherlich einiges an Schnee zum schmelzen und die Wassermengen zu einem reißenden Strom werden lassen. Gerade in dem Moment, als ich mir einen Schlachtplan für die Überquerung überlegen wollte kam ein Minibus angefahren – ich deutete an, dass ich hineinspringen will und schwupps war ich drin – sofort wollten mir die Mitfahrenden Platz machen, doch ich wollte ja nur den schwierigen Wegteil üerqueren – also ließen sie mich nach 30 Sekunden wieder aus dem Bus hüpfen und winkten mir vergnügt. Schon wieder passierte alles genau im richtigen Moment.

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Mittlerweile war es brütend warm und ich kam schnellen Schrittes voran. Ich war wirklich froh, den Teil nun noch mal zu Fuß erleben zu können, da es auch außerhalb des Nationalparkes einiges zu sehen gab – von Kühen bevölkerte Fußballplätze – wunderbare Flussläufe und kleine süße Häuser und Vorgärten. Gegen 17 Uhr erreichte ich Chakvi.

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Nun musste ich schnell an Internet gelangen, um meinen Fahrer nicht vollkommen in die Irre zu führen. Dies gestaltete sich allerdings wesentlich schwerer, als erwartet. Meine nicht vorhandenen Russisch-Kenntnisse verstanden die Ausführungen der Damen, die ich befragte ungefähr so: “Nirgends Internet in Chakvi – kein Anschluss an die Welt” – super – von allen Seiten wurde ich beäugt und im 2-Minutentakt gefragt, ob ich ein Taxi bräuchte.

Wie durch ein Wunder zeigte mein Handy plötzlich ein offenes WLAN Netz – ich verband mich und schrieb über Airbnb “Ich bin in Chakvi könnt ihr mich hier einsammeln” – und sendete ein Bild von der Tankstelle vor der ich stand mit. Nach 20 Sekunden war die Verbindung verschwunden und mir wurde noch angezeigt, dass nur die erste Nachricht übertragen werden konnte. 5 Minuten später stand wie durch ein Wunder mein Fahrer vor mir, der mich auch ohne die genaue Ortsangabe durch Nachricht vom Hotel hatte finden können. So langsam wurde ich fast etwas skeptisch, wie glatt alles lief. Nicht verdurstet, nicht verschollen, lag ich so gut in der Zeit, dass ich den Fahrer bat, mich in Batumi am Meer abzusetzen. Schon kurz vorm Aussteigen sah ich die Seilbahn über uns herschweben und wusste sofort, das will ich noch machen. Ich stieg aus und lief zur Seilbahn – diese brachte mich in 20 Minuten einmal über die Stadt auf einen Berg mit Kirche und schöner Aussicht.

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Wenig später fuhr ich wieder hinunter und lief dann gen Meer. Bei strahlend blauem Himmel, war es dieses Mal ein ganz anderer Eindruck und ich konnte nur erahnen, wie viel im Sommer wohl los sein würde. Laut vorheriger Recherche ist Batumi ein besonders beliebtes Reiseziel für Türken, da es nah dran liegt, Alkohol und Spielbänke erlaubt sind und dazu noch erschwinglich ist. Ende März war es allerdings angenehm leer und genau richtig. Langsam ging die Sonne unter und ich zog an der Strandpromenade entlang, aß ein Eis und überlegte, wie ich den nächsten Tag verbringen wollte.

Aber erstmal machte ich noch einen Abstecher zum Carrefour (Supermarkt), den ich morgens bei der Autofahrt entdeckt hatte. In ganz Georgien gibt es kaum große Supermärkte, so wie wir sie kennen. Man kauft auf dem Markt oder in kleinen Lädchen. Daher erkundete ich mit extra großer Neugier das Angebot im Carrefour und versorgte mich mit reichlich Schoki und interessanten Teigwaren. Ich hatte das Gefühl, nun genug von Batumi gesehen zu haben und beschloss, bereits am frühen Morgen Richtung Kutaissi aufzubrechen und meinen letzten Tag lieber dort zu verbringen. An der Hotelrezeption erkundigte ich mich, ab wann und von wo die Mashrutkas am nächsten Tag abfahren würden. Der Busbahnhof war etwas über eine Stunde zu Fuß entfernt, dies trauten sie mir allerdings nach meiner Leistung im Nationalpark ungefragt zu. Außerdem wollte ich meine Fahrt zum Nationalpark bezahlen, doch sie weigerten sich, mir die volle zuvor besprochene Summe abzuziehen, da ich ja so viel selbst gelaufen sei. Am Ende einigten wir uns auf 50 Lari (17 Euro).

Batumi -> Kutaissi

Wieder war es eine kurze Nacht, um 6 klingelte der Wecker und ich packte meine restlichen Sachen und zog los. Kaum hatte ich das Hotel in der Morgendämmerung verlassen folgte mir eine süße Hündin. Schnell realisierte ich, dass sie so schnell nicht von meiner Seite weichen würde und mir fiel die georgische Wurst ein, die ich am Vorabend nur angebissen hatte. Doch falsch gedacht, statt die Wurst zu essen, wollte sie mir weiter hinterherlaufen. Also wartete ich, bis sie wenigstens ein bisschen davon gegessen hatte. Dann liefen wir weiter. Nach einiger Zeit braucht ich nicht mal mehr schauen, ob sie noch da war. Sie lief stets einige Meter vor oder mal um die Ecke – aber wenig später hörte man ihr Pfotengetrappel.

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Nach 30 Minuten stieß ein Rüde zu unserem Team hinzu, der augenscheinlich Gefallen an ihr gefunden hatte. Eine Weile zogen wir zu Dritt weiter, bis sie an einer großen Straße die Biege machten und mich allein zurück ließen. Immerhin war mehr als die Hälfte des Weges geschafft und ich stapfte weiter gen Busbahnhof, als mir plötzlich zwei Männer vor Kleinbussen verschiedene Städtenamen entgegenbrüllten. Da das eigentlich ständig passiert und ich schon geübt im einfach ignorieren bin, war ich kurz davor einfach vorbeizugehen. Doch dann besann ich mich kurz – warte Mal, du willst ja mit nem Kleinbus nach Kutaissi – also drehe ich mich um und frage “Mashrutka”? – die einzige Unterhaltung die ich in Georgien quasi zur Perfektion führen kann. Ich fragte noch “How much?” und er hielt beide Hände nach oben – schon verfrachtete ich meinen Rucksack in den Kofferraum und setzte mich in die zweite Reihe. Wir warteten noch 15 Minuten und noch eine weitere Mitfahrerin stieg dazu bevor es losging. Am Busbahnhof fuhren wir geradewegs vorbei – und so werde ich die Frage, ob ich es auch vom Busbahnhof so fix nach Kutaissi geschafft hätte. Diesmal fuhren wir die Strecke bei bestem Sonnenschein  und das volle Ausmaß der georgischen Schönheit wurde sichtbar. Während der gesamten Fahrt durfte ich das Kaukasus Hochgebirge mit seinen von Schnee bedeckten Höhen bestaunen. Gegen 10:30 Uhr erreichten wir Kutaissi und ich machte mich auf den 60 minütigen Weg zu meinem aus dem letzten Jahr lieb gewonnenen AirBnB – die Worte meines Gastgebers – als ich damals vollkommen verdutzt auf die rote Flüssigkeit gestarrt hatte, die er mir zum Frühstück servierte – hatte ich noch sehr gut im Kopf “very, very good wine”.

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Mittlerweile war es brütend heiß, 24 Grad und greller Sonnenschein – ich liebte es. Als ich bei “Gegis House” ankam, standen im Garten des Hauses bereits Jubi und ein anderer Mann um mich willkommen zu heißen. Jubi begrüßte mich mit “Very, very good Nina” und ich musste schmunzeln. Der Zweite hieß David und fungierte praktischerweise als Übersetzer, da weder Jubi Englisch, noch ich Russisch gelernt hatten. Schnell erklärte ich, dass ich nur kurz meine Sachen ablegen will und dann sofort losziehen, solange der Tag noch jung ist. Nicht das erste Mal in meinem Leben lief ich also bei eher heißem Wetter fast ohne Flüssigkeit los zu einer Wandertour.

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Ich hatte mich kurzfristig entschlossen, genau wie im vergangenen Jahr am Ostersonntag, wieder zum Motsameta Kloster zu wandern – da mich dieses einfach bezaubert hat und die Tour mir genug Zeit für einen Abstecher in die Stadt und ein abendliches Trinkgelage mit Jubi lassen würde. Die Strecke steckte mir noch im Gedächtnis und so musste ich nur wenige Male auf die Karte sehen: Vorbei am Botanischen Garten, über den Staudamm, durch zwei Dörfer und dann in den Wanderwegs einschlagen. Die Frühlingsblüher blühten und ich wanderte – jeder, was in seiner Bestimmung lag. Selbst der Schuttberg am Ende des Wanderweges war noch genauso, wie im Vorjahr und machte den letzten Abschnitt des Weges etwas abenteuerlich. Nun ging es wieder die Straße entlang Richtung Motsameta. Meine Musik hatte ich wieder laut gestellt und sang fröhlich mit und genoss die fabelhafte Aussicht. Es war viel Betrieb, da die Ostertage wie in so vielen anderen Ländern die Menschen an ihre Glaubensverpflichtungen erinnerten. Überall liefen schon den ganzen Tag über Menschen mit kleinen Blütenzweige in der Hand Richtung Kirche und so war es auch dort. Am Eingang zum Klostergelände begrüßte ein Pförtner mich Freudestrahlend mit “Heil Hitler” – vollkommen perplex lief ich weiter und überlegte mir eine pfiffige Antwort für den Rückweg – wo der Mann natürlich wie vom Erdboden verschwunden war. Nun gut, Pulli über die nackten Schultern und weiter ging es. Der Blick auf das verzauberte Kloster eröffnete sich mir und ich wolle es betreten.

Doch anders als im letzten Jahr, passte jemand auf und ließ mich nicht eintreten, bevor ich nicht sowohl Beine als auch mein Haar mit Tüchern bedeckt hatte. Der nette Mann, den ich zuvor beim Foto vor dem Kloster machen geholfen hatte sprang mir zu Hilfe und band mir Sitten konform mein Kopftuch um. Nach einem kurzen Rundgang machte ich mich wieder auf den Rückweg. Dieses Mal nicht über den Wanderweg sondern komplett entlang der Straße. Dabei stellte ich folgende Statistik auf: Auf einer nicht so viel befahrenen Landstraße hält im Schnitt jedes 3. Auto an um zu fragen, ob man mitgenommen werden will, auf einer stärker befahrenen Straße immerhin noch jedes 10. Dies ist natürlich sehr nett und sehr herzlich von den Georgiern, aber auf Dauer auch wirklich anstrengend im 5 Minuten Takt Autofahrer ohne gemeinsame Sprachkenntnisse abzuwehren – besonders wenn dann 4 breit grinsende junge Männer im Auto sitzen. Unbeirrt ging ich meines Weges und kam so bei strahlendem Sonnenschein wieder in Kutaissi an – und musste dringendst auf die Toilette – fern von Wald und Strauch – steuerte ich zielgerichtet das erste größere Hotel an.

Der Rezeptionist schien sichtlich erfreut, irgendetwas zu tun zu haben und wies mir freudestrahlend den Weg zur Toilette, nur um mir später Restaurants in der Nähe auf einem Stadtplan aufzuzeichnen und mir noch etwas später anzubieten, doch umsonst in dem Hotel zu schlafen. Nein, nein, ich muss noch Wein mit Jubi trinken. Ich bedankte mich noch zehn Mal und zog weiter Richtung Innenstadt. Tatsächlich entdeckte ich noch einige spannende Ecken, die ich bei meinem ersten Besuch wohl übersehen hatte und genoss die tolle Mischung aus netten Cafes, strahlendem Sonnenschein und dem Eis in meiner Hand. Gleichzeitig wusste ich genau, wo ich hinwollte.

Das offene Cafe direkt am Fluss hatte es mir schon im Vorjahr angetan und so gesellte ich mich wieder dorthin. Ich hätte ewig bleiben können. Das war einfach das Paradies auf Erden. Ich bestellte mich wild durch die Karte und genoss so gut es eben ging. Gern wäre ich noch länger geblieben, doch wollte ich den Abend ja mit Jubi verbringen – also zog ich später gen Airbnb. Dort warteten Jubi und David schon auf mich – sofort wurde Wein und Essen besorgt und es ging los.

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Erst wollte Jubi nichts trinken, da er mich in der Nacht um 2 zum Flughafen fahren wollte, doch änderte er recht schnell seine Meinung. Na gut, ein bisschen wird schon gehen. David hielt sich alkoholtechnisch zurück aber übersetzte weiter fleißig. Er tat mir wirklich Leid, da er seinen Abend für die Übersetzung opfern musste – dies störte ihn, wie ich später herausfand allerdings reichlich wenig. Wir toasteten uns zu und redeten. Irgendwann bekam Jubi einen Anruf und entfernte sich kurz – und sofort offenbarte sich David “Nina I really really like you” – äähhhm okay. Ja wir kannten uns ja auch schon fast ein paar Stunden.

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Er wollte unbedingt Nummern tauschen, doch sobald Jubi vom Telefonat wiederkam steckte er ganz schnell das Handy weg und tat, als wäre nichts gewesen. Vollkommen perplex trank ich weiter hausgemachten Wein und war schon gut angeduselt, als Jubi verkündete, wir müssen noch mal in die Stadt fahren Cola kaufen, damit die Polizei am nächsten Morgen den Alkohol bei ihm nicht riechen würde. Nun gut, das war ein Argument. David fuhr, er war ja nüchtern, zu einer Art Späti. Sobald Jubi das Auto verließ, zückte David wieder sein Handy und wollte meine Nummer wissen. Naja, dachte ich, ich bin ja eh morgen weg, das wird sich dann ja schnell erledigen. Er sagte auch, er wünschte, ich würde morgen nicht in den Flieger steigen und für immer dableiben. Wie praktisch, dass ich mit solchen Situation so gar nicht umgehen kann. Ein Glück kam Jubi zurück und drückte mir eine Tafel Schokolade in die Hand “for you” – der Mann wusste, was ich jetzt brauchte. Wir fuhren zurück und ich entschloss mich, dann doch recht bald ins Bett zu gehen. Seitdem bekomme ich immer mal wieder Nachrichten von David. Nach 2 Stunden des Halbschlafes klingelte mein Wecker und ich packte meine Sachen zusammen. Jubi wartete bereits mit Cola in der Hand und fuhr mich alsbald zum Flughafen. Der Vollmond strahlte uns in der Nacht entgegen und ich wusste, das war bei weitem nicht mein letzter Besuch in diesem Land.

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